Predigt zur Visitation der Pfarrgemeinde am 25.1.2011

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Bekehrung des heiligen Apostels Paulus

Was wäre wohl aus der Kirche geworden ohne die spektakuläre Unterbrechung der Dienstreise des Saulus? Was wäre geworden ohne diesen rastlosen Juden, dem sich Christus nach seiner Auferstehung einfach in den Weg stellt, damit seine Sache, das angebrochene Reich Gottes, weitergeht? Was wäre geworden ohne den „Ruck", der durch das Leben dieses Mannes geht? Wir können nur erahnen, dass Gott sich schon etwas dabei gedacht hat.

Dieses Ereignis der Bekehrung wird von barocken Malern oft als Sturz dargestellt, als Sturz vom hohen Ross. Paulus selbst hüllt sich eher in Schweigen über die­sen Paukenschlag seines Lebens. Dabei passt die Dramatik dieses Ereignisses nur zu gut zu der bewegten Existenz des Paulus. Ein Mann stößt zur Kirche, dessen Kommen nicht zu erwarten war. Ein Mensch, der uns zunächst unsympathisch und unheimlich ist, schaute er doch untätig bei der Steinigung des Stephanus (Apg 7,58) zu. Auf offener Straße und aus heiterem Himmel wird Paulus mitten aus seinem alten Leben gerissen. Die Gnade Gottes erreicht ihn nicht als etwas harmloses, son­dern sie kommt wie der Pfingstgeist mit umwerfender Wucht (Röm 1,16). An Fest­tagen wie heute lernen wir Worte wie „Bekehrung" und „Berufung" in ihrer ganzen Bedeutung und Radikalität kennen.

Paulus erfährt die einschneidende Kraft Gottes. Und dieser Kraft Gottes setzen auch wir uns in jeder hl. Messe aus und hören wohl auch unangenehme Fragen auf unseren Wegen zwischen Jerusalem und Damaskus. Auch auf unseren Lebenswegen fragt uns der Herr: Warum ver­gisst du mich? Warum bekennst du dich nicht zu mir? Was treibt dich an? Wo­nach jagst du? An wen hängst du dein Herz?

Was aus uns werden würde, wenn uns Christus wie dem Saulus buchstäblich auf den Leib rückt, kann niemand vorhersagen. Wir sind schließlich nicht die „Macher" unserer Bekehrung und unserer Berufung. Christus greift ein und sucht sich einen neuen Mitarbeiter, einen Knecht aus (Röm 1,1). Und so wird spät und doch nicht zu spät der „dreizehnte Apostel" berufen: der Unerwartete, die Missge­burt, wie Paulus im Rückblick von sich sagen wird, der Mann mit einer belasten­den Vergangenheit und dunklen Flecken.

Ein unverbesserlicher Verfolger wird ein verbesserlicher Mensch und ein Glau­benszeuge. So ist diese Sternstunde der Geschichte ein großes Ereignis für die Christenheit. Wir feiern den Herrn, dem auch die Umkehr eines solchen Men­schen, wenn er es nur zulässt, nicht unmöglich ist. Und der auch uns das Unmög­liche zutraut: Unsere eigene Bekehrung, das offene Ohr für seinen Ruf! Wir blicken heute auf einen Menschen, der zielstrebig unterwegs ist, geblendet ins Stolpern gerät, hinfällt, seinen eigenen Namen rufen hört und wieder aufsteht. Das zeichnet Paulus auch in seinem späteren Leben aus: dass er immer wieder aufsteht, auch wenn er am Boden zerstört ist. Was ihn auf dem Weg nach Damaskus so radikal aus der Bahn wirft, ist eine Lichterscheinung, in der ihm der Auferstandene triumphal und herrlich begegnet.

Aber der Herr wird ihn auch zurückführen an die Ohnmacht des Kreuzes. Nur den Gekreuzigten will Paulus von nun an noch kennen. Er wird sich fortan auf die Sei­te derer stellen, die er einst verfolgt hat, und er wird mit ihnen leiden. Der Verfol­ger lässt sich verwandeln zum Verfolgten, der Täter zum Opfer, der Jäger zum Wortzeugen, der für Christus zum Gejagten wird.

Und doch, glaube ich, greift Jesus nicht zufällig oder willkürlich nach Saulus. Es hätte sicher Geeignetere, Unbelastetere gegeben. Jesus gab dem Leben des Saulus einen Gegenschub, aber er machte aus ihm keine völlig neue Persönlich­keit. Das alte, schuldhafte Leben, die bleibenden Widersprüche des Paulus wer­den ja nicht einfach ausgelöscht oder verdrängt, sondern mitgenommen, gerei­nigt, einem neuen Ziel nutzbar gemacht.

Jesus macht sich die Willenskraft des Paulus zu eigen und lässt den krummen Weg des Verfolgers einmünden in den „neuen Weg". Der „neue Weg" ist ja auch der schöne Name für die Bewegung de­rer, die sich später „Christen" nannten. Und darin liegt ein großer Trost: Auf den Abwegen, auf denen wir ganz allein unterwegs zu sein glauben, ist der Herr zuge­gen. Er ist der Herr unserer Sackgassen, der Herr unserer gottvergessenen Dienstreisen.

Es gibt ja im Leben immer wieder Augenblicke, wo auch wir dem Ganzen noch einmal eine neue Richtung geben möchten, das Ruder herumreißen wollen. Ein bloßer Wechsel des Aussehens, eine neue Frisur, neue Garderobe, ein wenig Kosmetik reichen da nicht aus. Da muss mehr geschehen, quasi der Blitz in uns hineinfahren, etwas, was Jesus als er von der Taufe spricht, das Bad der „Wiedergeburt" (Joh 3,3) nennt. Eine Umgestaltung also, die in die Tiefe geht und die nie schmerzlos und so nebenbei geschieht.

Solch schroffe Christusbegegnungen wie bei Paulus sind nicht jedermanns Sa­che. Da sind wir schnell verunsichert und überfordert. Bekehrungen und Berufun­gen wünschen wir uns allmählicher mit genügend Bedenkzeit. Wir verbinden mit Jesus eher das Wunder der sanften Berührung, den allmählichen gewaltlosen Weg in die Nachfolge, auf dem uns schrittweise ein Licht aufgeht.

Liebe Brüder und Schwestern, am Anfang der christlichen Existenz des Paulus steht die Blendung mit dem

Osterlicht, steht die Sehstörung, die erst allmählich abklingt. Ein Leben lang kommt dieser Paulus wohl nicht mehr aus dem Staunen heraus.

Dass Christus ausgerechnet ihn erwählt, dass er ihn mit all seinen Ecken und Kanten in seinen Dienst stellt, dass er an diesem hart gesottenen Menschen das Wunder der Wandlung geschehen lässt! Und so feiern wir heute das späte Ostern dieses Apostels, die „heilige Wandlung" eines Menschenherzen. Amen.

Wolfgang Lehmann wurde am 12.08.1955 in Warin/Mecklenburg geboren und am 28.06.2003 zum Priester geweiht.Seit 5. Dezember 2004 ist er Pfarrer der Kirchengemeinde St. Benedikt in Berlin-Lankwitz. Pfarrer Lehmann ist Dekan für das Dekanat Steglitz-Zehlendorf.

 

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