Bericht über die Lage der Christen im syrischen Konflikt

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Kurzer Bericht über die Lage der Christen im syrischen Konflikt

„Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen" (Mt 25,35)

Mitte März 2010 kommt es zu organisierten Kundgebungen in Edlib im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei. Gefordert werden mehr Freiheit und eine Reform des Regimes. Tatsächlich handelt es sich um ein von den Großmächten angezetteltes, von der Türkei und gewissen arabischen Ölstaaten unterstütztes Komplott mit dem Ziel, nicht offen geäußerte geopolitische Veränderungen herbeizuführen.

Es ging nicht um eine Reform des Regimes, sondern um einen Umsturz. An ihre Stelle sollte eine Macht treten, die die Allianz zwischen Russland, Syrien, dem Iran und der Hezbollah brechen sollte.  Ein Plan mit dem Ziel der Golfstaaten, Assad zu stürzen und seine Partei durch eine Macht zu ersetzen, die nur „rein islamisch" sein kann. Die Opposition verfügte nicht nur über eine Armee aus Sunniten, sondern auch über alle terroristischen Gruppen aus den islamischen Ländern des Nahen Ostens, Asiens und europäischer Muslime, die über erhebliche Waffenbestände und über unerschöpfliche Geldmittel verfügten. Die Aufständischen des Landes, die hinter dieser Vision standen, die islamische Macht wiederherzustellen, sahen in der friedlichen christlichen Bevölkerung Feinde, die es zu beseitigen galt. Terroristische Horden aus allen Ländern der muslimischen Welt bemächtigten sich der christlichen Dörfer, säten Schrecken, töteten ganze Familien, verwüsteten die Kirchen und Häuser und hinterließen Verzweiflung und Ruinen. Alle Häuser wurden geplündert und als Kriegsbeute betrachtet. Den als Geiseln genommenen Menschen wurde entweder die Kehle durchgeschnitten oder sie wurden nur gegen hohes Lösegeld freigegeben.

Der anscheinend friedliche Aufstand entwickelte sich rasch zur bewaffneten Revolte, die nicht nur die von der regulären Armee kontrollierten Zonen angriff, sondern auch alle, die nicht an ihrer Seite kämpften. Es waren dies vor allem die Christen, die dem Regime und ihrem Präsidenten Assad treu geblieben waren, weil diese in Übereinstimmung mit der nicht-religiösen Ideologie der Bath-Partei alle ethnischen und religiösen Minderheiten respektierten. Mit Ausnahme einiger Politiker, die sich der bewaffneten Opposition anschlossen, wünschte die erdrückende Mehrheit keineswegs den Sturz des Regimes, trotz seiner Unterdrückung, seines Machtmißbrauchs und der Korruptheit seiner Führer. Man zog es einem anderen Regime vor, das nur ein islamisches sein konnte. Denn der Islam kann ein demokratisches Regime nicht zulassen, das die Rechte der einer islamischen Mehrheit unterworfenen religiösen Minderheiten achtet. Das intolerante Verhalten der Aufständischen und die Entsetzlichkeit ihrer Greuel haben das wahre Gesicht der künftigen Macht enthüllt, die sie einsetzen wollen. So wurden in den großen Städten wie Damaskus, Aleppo und Homs die christlichen Wohnviertel dem Beschuss der Granatwerfer ausgesetzt, die alle Kirchen verwüsteten. Vor einigen Monaten haben bewaffnete Gruppen der Opposition Sadad eingeschlossen, ein großes Dorf in der Gegend von Homs, das ausschließlich von Christen der Syrischen Kirche bewohnt war und das sich am Rande der syrischen Wüste bis dahin abseits des Konflikts gehalten hatte. Die Einwohner wurden vom Einfall einer großen Zahl maskierter, blutrünstiger Soldaten terrorisiert. Diese umzingelten das Dorf und verbreiteten durch ihre Massaker Panik unter den Bewohnern, bis diese ihr Geburtsland verließen. Ebenso wurde das vollständig christliche Dorf Maaloula, das als Erbe der Menschheit und als Zeuge einer Kultur galt, die bis in vorchristliche Zeiten hinaufreichte, verwüstet und von seiner Bevölkerung verlassen; diese wurde durch Tötungen, Greuel und Entführungen terrorisiert - bis hin zur Geiselnahme von Ordensschwestern und ihren Waisenkindern. Gleiche Szenen der Gewalt und des erklärten Hasses gegen die Christen haben sich in den Städten Ras-el-Aïn, Hassaké, Deir-Ezzor und vielen anderen Orten Nordsyriens abgespielt, wo Christen lebten, die als treue Staatsbürger für das Wohl und das Gedeihen ihres Vaterlandes wirkten. Einer unserer Priester, der seinen Dienst in der Gegend der in Ruinen liegenden Basilika des Mar Simeon Stylites aus dem 5. Jahrhundert verrichtete, wurde durch den mit Al Qaida verbundenen islamistischen „Front Al-Nosra" aus seiner Gemeinde entführt und zusammen mit anderen als Geisel genommenen jungen Menschen enthauptet. Diese entsetzliche Szene wurde im Internet verbreitet.

Die christlichen Familien, die ihr Haus oder einen ihrer Lieben verloren hatten und um ihre Kinder bangten, mussten die Flucht in den Libanon antreten, um sich vor den Gefahren in Sicherheit zu bringen, die sie ständig bedrohten. Diejenigen, die mitten im Kampfgebiet bleiben mussten, sind ständigen Angriffen und Beschießungen ausgesetzt. Da sie sich nicht auf die Straße wagen, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen, resignieren sie und erdulden die Entbehrungen, den Mangel an Nahrungsmitteln und Trinkwasser und ertragen, wie der übrige Teil der belagerten Bevölkerung, die eisige Kälte des Winters, der sie aus Mangel an Heizmitteln ausgesetzt sind; sie überlassen sich dem Erbarmen des Himmels! Auf 30% der Bevölkerung schätzt man die Zahl der in Syrien vertriebenen Familien. Diejenigen, die das Land in Richtung Libanon oder in andere Richtung verlassen haben, schätzt man auf 20%. Die größte Zahl hat den Libanon gewählt, weil er nahe ist und ein liberales Regime hat, in dem die Christen noch ein Wort mitzusprechen haben. Manche haben sich in die Türkei, nach Jordanien oder in den Irak abgesetzt. Andere  haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, indem sie das Risiko auf sich genommen haben, heimlich nach Europa zu gelangen, in dessen Ländern sie selbst ohne Papiere gleich nach ihrer Ankunft aufgenommen werden. Manche unter ihnen, die weniger Glück hatten, sind bei ihrem Fluchtversuch auf dem Landweg oder auf dem Meer ums Leben gekommen. Selbst diejenigen, die den Fluchtweg nach dem Libanon gewählt haben, mussten die Gefahr von Heckenschützen und Entführungen an den Straßensperren bestehen, die von terroristischen Kämpfern errichtet wurden, die die Grenzen zum Libanon kontrollieren. Man kann es nicht wagen, den mit Hinterhalten gespickten normalen Weg zu nehmen. Es sind geübte Fluchthelfer, die sich der Flüchtlingsfamilien annehmen, um sie auf gebirgigen Pfaden in den Libanon zu führen.

Die syrischen Christen strömen seit zwei Jahren und zehn Monaten in den Libanon. Sie bitten den Staat nicht um Zuflucht und um Zeltlager und betteln nicht um ausländische Hilfe. Inmitten des Unglücks bewahren sie ihre Würde. Auf 10.000 schätzt man die Zahl der Christen, die in ihrer Not Schutz im Libanon gesucht haben. Diejenigen unter ihnen, die weder eigene Mittel noch Verwandte haben, die sie aufnehmen können, wenden sich an ihre jeweiligen Kirchen. So nimmt unsere Libanesische Kirche seit zwei Jahren etwa 70 Familien auf, die sich auf zwei Zentren in Beirut verteilen. Eine private karitative Vereinigung, für die ich verantwortlich bin, hat ihnen ein Gebäude zur Verfügung gestellt, das drei Wohnungen mit je 10 geräumigen Zimmern besitzt. Etwa fünfzig vom Unglück betroffene Familien konnten hier untergebracht werden. Das andere, weniger geräumige Zentrum nimmt etwa zwanzig Familien auf. Einige sind seit Beginn des Konfliktes dort, andere konnten nach Europa oder in die Vereinigten Staaten weitergeleitet werden, und neue Flüchtlingsfamilien nehmen ihre Plätze ein. Das gegenwärtige Problem besteht darin, für diese Familien die Mittel zum Überleben zu finden. Ein von der kirchlichen Obrigkeit bestimmter Priester kümmert sich um die Belange der Bewohner beider Zentren. In erster Linie bemühen wir uns darum, Arbeit für die Jungen zu finden. Die Kinder im Schulalter besuchen kostenlos die katholischen Schulen. Für sie ist es schwierig, dem Lehrplan zu folgen, der sich von dem in Syrien verwendeten unterscheidet. Was Nahrung, Möbel, Heizung und Medikamente angeht, so wenden wir uns an Wohltäter und karitative Einrichtungen. Der UN-Flüchtlingskommissar hilft manchmal denen, die als Asylbewerber registriert sind. Aber er kümmert sich nicht um jene, die in ihre Heimat zurückkehren wollen.

Deshalb wendet sich die Kirche an die Wohltäter mit der Bitte, ihren hart geprüften Brüdern und Schwestern zu Hilfe zu kommen. Unsere Kirche nimmt sich der Flüchtlinge in ihren Einrichtungen an und stellt ihre Betten, Kühlschränke, Decken und Schränke sicher. Allerdings wäre sie nicht in der Lage, ihre dringendsten Bedürfnisse zu decken, also die täglichen Lebensmittel, Heizenergie, warmes Wasser für die Wäsche, die Küche, Medikamente, Gesundheitsbedarf usw. Um diese dringenden Bedürfnisse zu befriedigen, hofft sie auf die Gaben der Wohltäter oder wohltätiger Organisationen. Wir brauchen Betten, Matratzen, Decken, Kleidung, Kühlschränke, Schränke, Kochherde, Tische, Stühle, Fernsehgeräte, Kochgeschirr usw. Es ist das Minimum, um in Beirut bescheiden zu leben, wo das Leben sehr teuer geworden ist, gemessen an den mittleren Lebenshaltungskosten in Syrien.

Ich bereite mich darauf vor, mit dem Patriarchen die Mitternachtsmesse zu feiern und sende allen meine Segenswünsche für ein frohes Weihnachtsfest und ein heiliges und glückliches Neues Jahr 2014.

Flavien Joseph Melki
Emeritierter Patriarchats-Weihbischof
der syrisch-katholischen Kirche im Libanon


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