Die St. Hedwigs-Kathedrale im Herzen Berlins

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Zum 240. Gedenktag der Konsekration am 1. November 1773 und zum
50. Jahrestag der Konsekration des neuen Altars (1.11.1963)

Die St. Hedwigs-Kathedrale im Herzen Berlins

Von Angelika Westphal

Zur Gründung des Bistums Berlin im Jahr 1930 ist die St. Hedwigs-Kathedrale zur Bischofskirche erhoben worden. Die Kathedrale ist nicht nur ein Bauwerk, sie ist Ausdruck und Symbol lebendigen christlichen Glaubens. Die meisten werden feierliche Gottesdienste erlebt haben, waren bei Priesterweihen, beim Requiem für Kardinal Sterzinsky oder bei der Einführung unseres Erzbischofs Rainer Maria Woelki anwesend. Vielleicht kamen sie ganz einfach einmal vorbei, um an einem Werktag um 12 Uhr an Musik und Meditation teilzunehmen. Dann werden sie zum Hochaltar oder zur Orgelempore geschaut haben oder ihre Augen glitten an den Säulen empor, die 1773, im Jahr der Einweihung, korinthische Kapitelle trugen.

Mitte des 18. Jahrhunderts hatte Berlin als Hauptstadt Preußens 100.000 Einwohner, davon 10% Katholiken. Dazu zählten 4.000 katholische Soldaten der Potsdamer Garnisonhauptstadt Preußens. Nach den schlesischen Kriegen und der Eroberung dieser Provinz durch Preußens König Friedrich II. sollten katholische Adlige, Diplomaten, Beamte, Handwerker und Soldaten aus Schlesien an Berlin gebunden werden. So wurde der Bau eines großen, repräsentativen Gotteshauses notwendig , denn es gab bis dahin in Berlin zur Feier eines katholischen Gottesdienstes für die Öffentlichkeit nur einen Raum in einem Magazingebäude in der Krausenstraße 47. In den katholischen ausländischen Botschaften standen für das Botschaftspersonal besondere Beträume oder Kapellen zur Verfügung.

Nach den Vorstellungen des Königs und seines Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff sollte zwischen dem Opernhaus und der königlichen Bibliothek im Zentrum Berlins ein dem Pantheon in Rom vergleichbarer Bau entstehen, der für alle Religionen offen sein sollte. Philipp Ludwig Kardinal von Sintzendorff, Fürstbischof von Breslau, konnte den König davon überzeugen, dass durch den Bau einer katholischen Kirche eine engere Bindung der Katholiken an die preußische Krone erreicht werden könnte. Am 22.11.1746 erging das königliche Edikt zur Genehmigung des Baus. Der König schenkte einen Bauplatz neben der Oper, dazu für das Fundament in dem sumpfigen Untergrund 18 Eichenstämme und für das Gerüst der Kuppel weiteres Holz, außerdem 4.000 Zentner schwedisches Eisen. Die zum Bau erforderlichen Geldmittel sollte die Kirche selbst aufbringen. Der König widmete die Kirche der hl. Hedwig, der Schutzpatronin Schlesiens.

Bei der Absteckung des Baugrundes war der König zugegen, er soll sogar Zeichnungen angefertigt haben, die jedoch verloren gegangen sind. Nur eine Anekdote hat sich erhalten: Der König habe bei der Frage nach seinen Bauvorstellungen einfach seine Kaffeetasse verkehrt herum mit der Öffnung nach unten auf den Tisch gestellt und gemeint, so solle die neue Kirche aussehen, ein Rundbau also mit großer Kuppel. Der holländische Baumeister Johann Boumann führte den hölzernen Kuppelbau von 40 Meter Spannweite aus. Die Kuppel war zunächst nicht mit Kupferplatten bedeckt, auch fehlte noch die sogenannte „Laterne" als Spitze der Kuppel.

Die Kirche öffnet sich in Nord-Süd-Richtung diagonal zur Platzseite hin und ist über eine neunstufige Treppe zu erreichen. Sie hat eine vorgelagerte Eingangshalle in Form eines Säulenportikus mit sechs ionischen ¾-Säulen, zwei Blendnischen und drei Eingangsportalen. Darüber befinden sich fünf rechteckige Reliefbilder mit folgenden Darstellungen: Verkündigung, Christus am Ölberg, Kreuzabnahme, Auferstehung und Himmelfahrt. Den Abschluss bildet ein Puttenfries mit einem darüber liegenden Giebeldreieck mit der Darstellung der Heiligen Drei Könige. Wegen Geldmangels geriet der Bau immer wieder ins Stocken. Aber zunächst bemühte sich der Karmeliterpater Eugenius Mecenati in Italien, Spanien und Polen um Spenden. Danach hat der Bischof von Brescia, Kardinal Angelo Maria Quirini, viele Spenden einsammeln können und aus eigenen Mitteln den Vorbau mit den sechs ionischen ¾-Säulen und den Hochaltar gestiftet. Daher ist auf dem Architrav des Vorbaus neben den Namen des Königs und der heiligen Hedwig auch sein Name genannt:

FREDRERICI REGIS CLEMENTIAE MONUMENTUM S(anctae) HEDWIGI S(acrum) A.M.QUIRINIUS S(anctae) R(omanae) E(cclesiae) CARD(inalis) SUO AERE PERFECIT

Innen erhielt die Kirche 24 korinthische Säulenpaare. Zwischen den Säulen standen 12 überlebensgroße Apostelfiguren. Diese Figuren wurden von dem Künstler Georg Franz Ebenhechs geschaffen. Auf ihn gehen auch außen die fünf Reliefbilder zwischen den Säulen der Hauptfassade sowie die Darstellung auf dem Giebelrelief zurück.

Am 1. November 1773 konnte die Kirche konsekriert werden. Auf Wunsch des Königs vollzog die Weihe Graf Ignacy Krasicki, Fürstbischof des Ermlands, der König selbst war nicht anwesend. Die Weihe währte 3½ Stunden. Die Breslauer Gemeinde Heilig Kreuz schenkte eine Statuette der heiligen Hedwig, ein silbervergoldetes Reliquiar, das sich heute im Domschatz befindet. Zum Zeitpunkt der Weihe war vieles noch nicht vollendet. Erst nach mehr als 100 Jahren, von 1884 - 1887, wurde die bereits baufällig gewordene Kuppel erneuert, sie wurde mit Kupferplatten belegt und als Spitze eine „Laterne" mit 12 Säulen und Fenstern aufgesetzt. Eine Halbkugel trug ein Kreuz. Auch der rückwärtig anschließende Kapellenanbau (heute Sakristei) wurde fertig gestellt. Den Innenraum gestaltete Kirchenbaumeister Max Hasak neu durch 12 farbige Fenster, 12 Kronleuchter, geschnitztes Gestühl und Nebenaltäre. Erst jetzt konnte auch außen das Giebelrelief mit der oben genannten Inschrift fertig gestellt werden.

1923 wurde die Kirche zur „Basilica minor" erklärt. Am 13. August 1929 wurde das Gesetz zur Errichtung des Bistums Berlin mit Bischofssitz ratifiziert und die Kirche zur Kathedrale erhoben. Der erste Bischof von Berlin war Dr. Christian Schreiber, zuvor Bischof von Meißen. Die Erhebung zur Kathedrale am 13. August 1930 erforderte eine erneute Umgestaltung des Innenraums. Der beauftragte Wiener Architekt Clemens Holzmeister hob den Charakter des Zentralbaus hervor. Er schuf eine Achse von der Vorhalle zum Hochaltar sowie ein Presbyterium mit Kathedra und Gestühl für die Geistlichkeit. Die Kommunionbank war mit einer Marmorbrüstung umgeben, im Altarbezirk befand sich die Orgel. Die Kirche wurde mit 12 Rundbildern ausgemalt, auf denen die Evangelisten und die Kirchenlehrer dargestellt waren. Der während der Jahre 1930 bis 1932 durchgeführte Umbau wurde sehr gelobt als große Leistung schöpferischer Denkmalspflege. Aber das ist Geschichte.

In der Nacht vom 1. zum 2. März 1943 wurde bei einem schweren Bombenangriff die Kathedrale bis auf die Umfassungsmauern zerstört, der Portalvorbau wurde stark beschädigt, und die hölzerne Kuppel brannte und stürzte zum Teil in den Innenraum. 1952 begann auf Anregung von Bischof Wilhelm Weskamm der Wiederaufbau, der bis 1963 dauerte. Unter komplizierten technischen Bedingungen gelang es, die Kuppel aus 84 freitragenden Stahlbetonfertigteilen wieder aufzuführen, die den Innenraum von 33 Metern Durchmesser überwölbt. Dann wurde die Kuppel mit Kupferplatten bedeckt. Am Außenbau wurden die Kriegsschäden mit Naturstein ausgebessert und die Putzquaderung wieder hergestellt.

1960 - also vor dem Mauerbau - beauftragte man den Düsseldorfer Architekten Hans Schwippert mit der Innenraumgestaltung. Er griff den ursprünglichen Grundgedanken für die Kuppel ohne Laterne wieder auf, ließ dafür aber ein einfaches Oberlicht von 6 Meter Durchmesser einsetzen und darüber ein Kreuz aufrichten. Er stellte den gesamten Innenraum unter Betonung der Kreisform vereinfacht wieder her. Dadurch erreichte er große Klarheit und eine Konzentration auf das Wesentliche. 12 Säulenpaare - heute ohne Kapitelle - umstehen den Innenraum und scheinen die Kuppel, die auf dem Mauerring liegt, zu tragen. Zwischen den Säulenpaaren finden sich halbrunde Wandnischen mit hell verglasten Fenstern. An den Säulen hängen Lichtketten mit Kugelleuchten.

Eine 8 Meter breite runde Öffnung im Boden der Kirche vor dem Hochaltar und unterhalb der verglasten Kuppelöffnung bietet mit einer breiten Freitreppe den Zugang zur Unterkirche mit ihren Kapellen, die an Stelle der ehemaligen Krypta geschaffen wurde. Die Öffnung wird von einem Gitter aus Bronze und Kristallglaslamellen eingefasst. Diese Einfassung wie auch die Leuchter stammen aus der Werkstatt des Berliner Kunstschmiedes Fritz Kühn. Aus dem Sakramentsaltar mit dem Tabernakel der Unterkirche wächst die Altarstele aus schwarzgrünem Marmor empor als Verbindung zum Hochaltar. Dieser wurde am 1.11.1963 durch Erzbischof Alfred Bengsch geweiht - 190 Jahre nach der ersten Konsekration. Hinter diesem eindrucksvollen Doppelaltar führen drei Stufen zum Bischofssitz und zu den Sitzen für das Domkapitel. Hinter der Kathedra hängt je nach dem kirchlichen Jahresablauf einer der drei künstlerisch gestalteten großen Wandteppiche.

Das Altarkreuz mit dem Corpus aus Elfenbein ist vergoldet und mit Emaille-Einlagen verziert. Der Tabernakel auf dem Altar der Unterkirche ist innen und außen kostbar gestaltet durch fein ziselierte vergoldete Platten mit Perlmuttschmuck, auf der Oberseite stehen geschliffene Bergkristalle, die das von oben kommende Licht reflektieren. Oberhalb des Tabernakels steht eine um 1340 geschnitzte Petrus-Statue, ein Geschenk von Papst Johannes Paul II. zur 50-Jahrfeier des Bistums 1980. Vor einem der Seitenfenster steht auf einer zeitgenössischen Sandsteinstele mit Strahlenkranz eine aus Süddeutschland stammende holzgeschnitzte mittelalterliche Madonna. Über dem mittleren Eingangsportal wurde auf einer Stützkonstruktion 1976-1978 die Orgel der Bonner Firma Johannes Klais aufgestellt. Den Prospekt schuf Hans Schäfer, Bonn, das Dekor gestaltete Paul Corazolla, Berlin.

Den Altar der Unterkirche säumen acht Seitenkapellen:

- Marienkapelle mit einer Kopie der Pieta von Michelangelo

- Kapelle mit dem Grab des Sel. Dompropst Bernhard Lichtenberg (mit Schrifttafeln an Katholiken des Bistums Berlin erinnert, die in der NS-Zeit aktiven Widerstand geleistet haben und hingerichtet wurden)

- St.-Otto-Kapelle zur Erinnerung an den zweiten Bistumspatron Otto von Bamberg (1062 - 1139)

- Begräbniskapelle für die in Berlin amtierenden Bischöfe: Kardinal von Preysing, Nikolaus Bares, Christian Schreiber und Joseph Deitmer

- Begräbniskapelle für Alfred Kardinal Bengsch, Wilhelm Weskamm, Georg Kardinal Sterzinsky (vor der Kapelle ist ein Bronzerelief für Julius Kardinal Döpfner angebracht)

- Taufkapelle mit moderner Ausstattung

- Sakristeikapelle

- St. Hedwigs-Kapelle mit dem Domschatz, u. a. mit der Schnitzfigur der Bistumspatronin (schlesische Schnitzarbeit um 1720), dem Reliquiar der heiligen Hedwig (Geschenk der Breslauer Gemeinde Heilig Kreuz zur Einweihung im Jahre 1773), der Statue der heiligen Elisabeth (Messing, versilbert und vergoldet, Geschenk von Kardinal Meisner)

An der Rückwand der Unterkirche hängen die 14 Kreuzwegstationen (Kopien), die der Dresdner Künstler Josef Hegenbarth (1884-1962) geschaffen hat. Dieses Gotteshaus ist Zeugnis lebendigen christlichen Glaubens. Täglich werden heilige Messen gefeiert, werktäglich finden sich um 12 Uhr Gläubige und Passanten zur Mittags- Musik- Meditation ein. Dieses eindrucksvolle Gotteshaus in der historischen Mitte Berlins zieht religiös Interessierte und Touristen an. Es ist zu hoffen, dass sie sich nicht nur durch das schöne Bauwerk beeindrucken lassen, sondern Stille und Besinnung finden.

1963 schrieb Alfred Kardinal Bengsch in einem Hirtenbrief „Unsere Kirchen stehen nicht ewig. All unsere Werke vergehen. Was wir mit Steinen bauen, wird einst Ruine sein. Was aber in dieser Zeit für die Ewigkeit gebaut wird, ist der Tempel Gottes, dessen lebendige Bausteine wir selbst sind. Jedes Mal, wenn wir die Kathedrale sehen, wollen wir uns an dieses Ziel erinnern und uns von neuem einfügen in den heiligen Bau der Kirche in Berlin."

Zusammenfassung eines Vortrags, der in der Gemeinde „Salvator" in Berlin-Lichtenrade im November 2012 unter Einbeziehung von 15 Dias gehalten wurde.

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