Ein reiches Erbe für eine große Pfarrfamilie

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Von Dr. Thomas Raus

Verehrte Mitchristen aus allen Teilen der Pfarrei Maria Rosenkranzkönigin in den Grenzen vom 1.10.2010, liebe Herren Pfarrer - praeteriti, praesenti et futuri - mit futuri sind Sie angesprochen, lieber Herr Kaplan, werte Freunde und Besucher von außerhalb unserer vor zwei Tagen vom Erzbischof neu dekretierten Gemeindegrenzen!

Mit fast den gleichen, nur den neuen Gemeindeverhältnissen etwas angepassten Worten habe ich Sie an diesem festlichen Ort in diesem Jahr schon einmal begrüßt, als Sprecher unserer Gremien anlässlich des Neujahrsempfangs der gewesenen Kirchengemeinde der Rosenkranz-Basilika. Ich hatte diese Begrüßungsworte der Formel entlehnt, die Papst Benedikt XVI. am 21. November 2009 seiner Ansprache an die in der Sixtinischen Kapelle in Rom versammelten Künstler vorausschickte.

Ich habe damals den Bogen von der Künstlerversammlung in der Sixtinischen Kapelle zu der Versammlung in diesem Saal geschlagen, wo alle mit Herz und Hand beteiligten Gottesdienstbesucher und Gremienmitglieder und Wohltäter, Hauptamtliche und Ehrenamtliche  sich als  Künstler - genauer: Lebenskünstler - sahen, die die anstehende Fusion der katholischen Kirchengemeinden St. Bernhard und der Rosenkranz-Basilika in geordnete Bahnen lenken sollten, oder wollten, oder mussten - je nach Temperament und persönlicher Sicht der Dinge.

Das war vor neun Monaten. Die Zeit der Schwangerschaft ist beendet, das Kind ist da und heißt - ich wiederhole mich - Maria Rosenkranzkönigin. Es hatte sich aus den Kirchenvorständen und Pfarrgemeinderäten der Kirchengemeinden St. Bernhard und der Rosenkranz-Basilika - gemeinsam und im Einvernehmen mit den beteiligten Pfarrern - ein Fusionsforum mit geborenen und gekorenen Mitgliedern gebildet, das sich im Monatsabstand insgesamt achtmal traf, um die notwendigen Einzelheiten und Sachverhalte zur Gemeindefusion gegenseitig vorzustellen und zu besprechen. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass beim ersten dieser Treffen seitens des Erzbischöflichen Ordinariats ein von uns eingeladener Fusionsberater unserem Fusionsforum zur Hilfe eilte, eine Hilfe, die wir alle sehr gerne annahmen. Wir wurden beraten und aufgeklärt über die so genannten „harten" und „weichen" Fakten einer jeden Fusion und wie mit ihnen umzugehen sei.

Die harten Fakten wie Rechtstitel, Grundbucheinträge, Namensänderungen bis hin zu den Bankverbindungen sind unproblematisch, weil sie weitgehend gesetzlich vorgeschrieben sind sich daher einer Gestaltungsmöglichkeit entziehen. Die weichen Fakten - oder Faktoren einer zu einem friedlichen Gelingen zu führenden Gemeindefusion - die, so wurde uns bedeutet, seien die vornehmlich pastoralen Fakten, die es in sich haben und bei denen die Fusionspartner sehr pfleglich miteinander umgehen müssen. Der Fusionsberater brauchte übrigens nicht noch einmal zu einer klärenden Teilnahme an den Fusionsgesprächen bemüht zu werden.

In den Gesprächen herrschte von Anfang an ein guter Geist, - ich gehe davon aus, dass die Gottesmutter und der hl. Bernhard von Clairvaux daran nicht unbeteiligt waren - und alle Beteiligten waren sich einig, eine Fusion aus dem „ff" zu gestalten und zu erreichen - FF, das war die Abkürzung für „Fusions-forum". Nun liegen die ersten dieser gruppendynamisch brisanten, sog. weichen Fakten auf dem Tisch, z.B. eine neue Gottesdienstordnung, die Pfarrer Dr. Desczyk und Kaplan Bodenmüller reiflich wie schmerzlich überlegen mussten. Draußen  in der säkularen Welt - heißen solche Überlegungen „Mach-barkeitsstudie".

„Und schon knirscht es", heißt es dazu in dem ganzseitigen Artikel über unsere fusionierte Gemeinde in der aktuellen Ausgabe der Kirchenzeitung.

Jetzt können drei Denkfehler die Herzen verwirren und den Fusionsfrieden gefährden. Den ersten Denkfehler nenne ich den Rotkäppchen-Effekt. Ich schöpfe dabei aus eigenem Gesprächserleben vor und nach Gottesdiensten oder Pfarrversammlungen an beiden Kirchen. Das unschuldige Rotkäppchen geht durch den dunklen Wald und wird vom bösen Wolf gefressen. Das Rotkäppchen ist die Gemeinde St. Bernhard, der dunkle Wald sind die schlimmen, kirchenunfreundlichen Zeiten, in denen wir leben, oder vielleicht auch dunkle Mächte in der oberen Kirchenleitung, und der böse Wolf ist die größere Gemeinde der Rosenkranz-Basilika, die nur auf den zarten, leckeren Bissen gewartet hat.

Liebe Zuhörer, solch krauses Denken kann nur vom Diabolos, dem Durcheinander‑Werfer stammen, der es in die furchtsamen Herzen senkt. Treten Sie bitte diesem Denkfehler entgegen, wo immer Sie ihn antreffen. Der zweite Denkfehler ist der allen Menschen innewohnende, nur schwer besiegbare Hang zur Schuldzuweisung. Ich zitiere wieder sinngemäß den Artikel über unsere fusionierte Gemeinde in der aktuellen Ausgabe der Kirchenzeitung: „Niemand hat die Fusion gewollt oder hält sie für erstrebenswert, aber wir müssen nun das Beste daraus machen". Im Raum steht die Frage: Wer hat die ungeliebte Fusion verursacht? Wer war das? Und schon geht die Suche nach dem Schuldigen los, verzehrt die Herzen, kostet Zeit und Kraft und lässt die Zungen sündigen. Auch diese Plage schickt uns der Diabolos, der Durcheinander‑Werfer, der Verwirrer. Behüten Sie sich und andere davor, in diese mentale Falle zu tappen und sich länger darin aufzuhalten mit der Gefahr, demotiviert darin stecken zu bleiben. Sie werden objektiv keinen „Schuldigen" finden! Und der dritte Denkfehler ist das destruktive Vergleichen, das zu Schutzreflexen des scheinbar Schwächeren gegenüber dem scheinbar Stärkeren und zur Lieblosigkeit des scheinbar Überlegenen gegenüber dem scheinbar Unterlegenen führen kann. Dann ist kein Zusammenwachsen möglich und innere Grenzen verfestigen sich bis zur Unüberwindlichkeit.

Positives, konstruktives Vergleichen dagegen, das den Anderen ehrt und von ihm bereit ist zu lernen und Besseres zu übernehmen, ist etwas ganz anderes! Darin sollten wir uns in unserer neuen Pfarrfamilie gegenseitig zu übertreffen suchen. Es ist eine sehr nützliche Parallelität oder Koinzidenz, dass wir unseren Fusionsgottesdienst mit anschließendem Empfang am 3. Oktober, dem „Tag der deutschen Einheit" begehen. Wir sehen zu diesem Anlass wieder das Bild in den Zeitungen, wie der Bundeskanzler, der Ministerpräsident der DDR, der Oberbürgermeister von Berlin (Ost) und der Regierende Bürgermeister von Berlin (West) gemeinsam das wieder geöffnete Brandenburger Tor durchschreiten. Die Offiziellen, die Funktionäre begehen öffentlich die Einheit und klopfen sich für die Geschichtsbücher gegenseitig auf die Schultern.

Realität ist, dass auch zwanzig Jahre nach der Einheit die „Mauer in den Köpfen" mancher Bürger immer noch besteht, bei einigen, wie es heißt, doppelt so hoch wie vorher. Auch ich habe Ihnen das Bild des friedlichen und konstruktiven Miteinanders im vorbereitenden Fusionsforum vor Augen gestellt, und dass die „Mauern" in den Köpfen unserer neuen Pfarrfamilie abgetragen werden und nicht wachsen, ist unser aller Aufgabe, die jetzt vor uns liegt.

Ich bemühe ein letztes Mal die aktuelle Kirchenzeitung, wo es heißt: „Der arme Pfarrer muss jetzt alles richten", zusammen mit dem Kaplan. Er muss alles richten, ja, aber nicht es allen recht machen - das ist etwas anderes! In der Tat übernimmt Pfarrer Dr. Desczyk ein reiches Erbe von seinen beiden Vorgängern Dr. Hoefs und Dr. Gillessen.

Und dass aus dem „armen" Pfarrer Desczyk ein an aktiver und liebevoller Unterstützung aus beiden Gemeindeteilen reicher Pfarrer wird, ist Aufgabe aller Getauften, der Gottesdienstbesucher, Ehrenamtlichen, Gremienmitglieder und Wohltäter der fusionierten katholischen Kirchengemeinde Maria Rosenkranzkönigin - in den Grenzen vom 1.10.2010!

Und die potentielle „Rufbereitschaft" von Pfarrer Bauditz erfüllt uns mit Dankbarkeit. Hand anlegen in Gebet und Tat müssen wir alle. Der hl. Bernhard und die Rosenkranzkönigin werden uns mit Sicherheit dabei helfen, dass aus der Fusion keine Konfusion wird. Vielen Dank!

Dr. Thomas Raus ist Stellv. Vorsitzender des Kirchenvorstandes unserer Pfarrgemeinde Maria Rosenkranzkönigin. Die Ansprache wurde im Namen des Kirchenvorstandes und des Pfarrgemeinderates der Katholischen Kirchengemeinde Maria Rosenkranzkönigin beim Fusionsempfang am 3.10.2010 gehalten.


 

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