"Im Haus Gottes sind wir lebendige Steine"

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„Im Haus Gottes sind wir lebendige Steine"

Predigt zum feierlichen Hochamt in der Rosenkranz-Basilika
anlässlich der Gemeindefusion am 3. Oktober 2010

Von Dekan Pfarrer Wolfgang Lehmann

Wir feiern heute die hl. Messe anlässlich der Fusion Ihrer Pfarreien Rosenkranz-Basilika und St. Bernhard zur neu umschriebenen Pfarrei „Maria Rosenkranzkönigin". Ich kann verstehen, wenn Sie bei diesen Worten nicht in Jubel ausbrechen. Denn, wie Sie vielleicht wissen, habe auch ich den Prozess der Fusion in meiner Pfarrei erlebt und erlebe ihn noch. Es ist nicht leicht hinzunehmen und zu sehen, wie Altes und Bewährtes, das uns lieb und teuer geworden ist, so einfach vergeht. Doch das ist, liebe Brüder und Schwestern, nicht nur ein Phänomen unserer Zeit. Unsere Kirche hat sich durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder verändert und ist sich dennoch treu geblieben. Für mich ist das immer wieder ein großes Wunder und auch ein Gottesbeweis. Und auch wir sind heute mitten in einem solchen Wandlungsprozess.

Dass sich auch in dieser nun fusionierten Pfarrei vieles ändern wird, dass Sie Einschränkungen hinnehmen müssen, dass nicht alle Aktivitäten wie bisher fortgeführt werden können, hat zunächst einmal mit äußeren Gegebenheiten zu tun:

mit dem Priestermangel, mit fehlenden Finanzen, mit der sinkenden Zahl der Kirchenmitglieder und mit anderem mehr. Und doch geht es heute nicht um Abbau, sondern es geht um Umbau, es geht um eine grundlegende Neubesinnung auf den Auftrag der Kirche in unserer Stadt, in unserer Gesellschaft, in dieser Gemeinde.

Liebe Brüder und Schwestern: Es kann auch faszinierend sein zuzusehen, wie etwas Neues entsteht, vor allem dann, wenn wir selbst daran beteiligt sind. Sie werden mir sicher Recht geben, wenn ich Ihnen sage, dass es etwas völlig anderes ist, ob man ein fertig gebautes, schlüsselfertiges Haus kauft oder ob man sich selbst ein Haus baut. In unseren Tagen sind zunehmend Menschen am Bau ihres Hauses aktiv beteiligt, allein schon aus Kostengründen, aber auch mit dem Effekt, dass das Verhältnis zum selbst gebauten Haus viel intensiver, viel inniger ist. Ein Haus, das selbst gebaut wurde, ist eben nicht nur irgendein Dach über dem Kopf, sondern es ist das eigene Haus, das eigene Heim, ein Stück Heimat.

Und, liebe Brüder und Schwestern, dass auch Ihnen Ihre neu gegründete Pfarrei „Maria Rosenkranzkönigin" ein Stück Heimat wird, wird davon abhängen, ob Sie bereit sind, an diesem Haus Ihrer Pfarrei mitzubauen. In der Heiligen Schrift wird die Kirche, auch die Gemeinde, oft als ein Haus beschrieben. Auch in der Lesung haben wir gehört, dass die Kirche mit einem Bau verglichen wird, mit dem Haus Gottes, in dem wir, die Menschen, lebendige Steine sind. Aus diesen lebendigen Steinen erbaut Gott sich sein Haus. Somit ist die Kirche nicht irgendein Fertighaus, das schlüsselfertig und bezugsbereit in die Landschaft gesetzt wird. Die Kirche ist vielmehr ein Haus, das sich Gott eigenhändig aus lebendigen Steinen erbaut hat und zu dem Er deshalb auch eine ganz eigene, tiefe Beziehung hat. Es ist deshalb auch kein Fertighaus, in das wir einziehen könnten, ohne ein persönliches Verhältnis zu diesem Haus zu entwickeln.

In den Augen vieler Menschen jedoch gleicht die Kirche heute einem Fertighaus, einem Zweckbau, zu dem sie kein persönliches Verhältnis haben. Die Kirche ist heute für viele nur eine Institution, die ihnen in bestimmten Lebensbereichen oder Lebensphasen nützlich sein kann, eben ein Dach über dem Kopf. Und wenn sich die Lebensumstände ändern, dann ziehen sie aus oder ziehen um in ein anderes Haus, das ihnen besser gefällt oder ihnen scheinbar mehr zu bieten hat. Ein wirklich persönliches Verhältnis zur Kirche wie zu einem selbst und eigenhändig gebauten Haus haben heute die wenigsten. Ohne Zweifel ist die Kirche auch dazu da, Menschen in schwierigen Lebensphasen und Lebenssituationen ein Dach über dem Kopf zu bieten, ihnen Schutz und Hilfe zu ermöglichen. Aber die Kirche, liebe Brüder und Schwestern, ist viel mehr. Und vor allem ist sie niemals unabhängig von uns. Sie ist nie nur ein Dach über dem Kopf, ein Zweckbau, mit dem wir selbst nichts zu tun haben. Sie ist vielmehr ein Haus, zumindest sollte sie es sein, das ich selbst mitgebaut habe. Ja mehr noch: Wir sind, sagt die Lesung, die lebendigen Steine, aus denen die Kirche gebaut ist. Wir bilden das Haus. Und die Kirche ist nur so lange gut und wohnlich, wie wir bereit sind, uns als lebendige Steine einzubringen.

Viele Katholiken üben heute Kritik an der Kirche: Sie habe nichts zu bieten, sie ist unmodern, zu langweilig, so gar nicht zeitgemäß oder was auch immer. Aber wer so denkt und redet, liebe Brüder und Schwestern, der hat das Wesen von Kirche nicht begriffen. Entweder bin ich selbst Teil der Kirche, und dann trifft die Kritik immer auch mich. Oder ich sehe die Kirche nur als einen Zweckbau, dann muss ich mich auch nicht wundern, wenn ich keine wirkliche Beziehung zu ihr finde. Wir sind gemeinsam Kirche, wir sind Gottes Bau. Gott hat uns eigenhändig zusammengefügt zu einem großen gemeinsamen Haus. Und in diesem Haus soll jeder einen Platz haben, jeder sich zu Hause und geborgen fühlen können. Die Kirche ist eine lebendige Gemeinschaft, in der jeder wichtig ist und seinen Teil zum Ganzen beiträgt, entsprechend seiner Berufung, seinen Talenten und Fähigkeiten.

Liebe Brüder und Schwestern, wer selbst baut, der kennt auch die Erfahrung: Man wird im Grunde genommen nie richtig fertig. Es ist immer etwas zu tun, zu verbessern, zu verändern. Und so ist es auch mit der Kirche und der Gemeinde. Wer erlebt das in dieser Zeit intensiver als Sie, liebe Brüder und Schwestern. Das Haus aus lebendigen Steinen, das Gott sich erbaut, ist nie fertig.

Daran muss ständig gebaut werden, renoviert, umgebaut, den sich verändernden Bedürfnissen angepasst werden, doch immer unter Beachtung des Bauplanes, den Gott selbst vorgibt. Und deshalb braucht eine Gemeinde ein Gespür dafür und die Erkenntnis, wie der Plan Gottes für seinen Kirchbau ist und was die Menschen heute brauchen. Es geht nicht darum, alles schnell dem Zeitgeist anzupassen. So sagte der frühere Mainzer Bischof Kardinal Volk einmal: „Wer immer und ständig nur von heute sein will, der muss aufpassen, denn sonst ist er morgen schon von gestern." Es kann in der Kirche nicht darum gehen, sich ständig dem Zeitgeist anzupassen, ständig nur danach zu streben, was heute gerade ankommt und gefällt. Zugleich ist aber ein waches Gespür vonnöten, was die Menschen wirklich brauchen, was ihre Nöte und Sorgen sind, damit wir als Kirche ein Haus sind, in dem sie sich tatsächlich geborgen und zuhause fühlen können. Und so wünsche ich Ihnen, liebe Brüder und Schwestern aus den ehemaligen Pfarreien „Rosenkranz-Basilika" und „St. Bernhard", dass Sie gemeinsam zu einem Haus mit dem Namen „Maria Rosenkranzkönigin" werden, ein Haus, das dem Bauplan Gottes entspricht, ein Haus, das mehr ist als nur ein attraktiver Zweckbau. Ein Haus, das vielmehr wirkliche Heimat ist für viele, besonders aber für Menschen in Nöten, in Krisen, in schwierigen Lebenslagen. Denn als Kirche und als Gemeinde sind wir niemals nur ein Eigenheim. Es geht nicht darum, dass wir es uns selbst gemütlich machen.  Wir sind immer ein Haus Gottes, das vielen ein Dach über dem Kopf sein will, eine wirkliche Heimat, ein gutes Zuhause. Wollen wir dazu hier und heute miteinander und füreinander den Segen Gottes erbitten. Amen.

Pfarrer Wolfgang Lehmann wurde 1955 in Warin (Mecklenburg) geboren. Er leitet seit 2004 die Gemeinde Sankt Benedikt.




 

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