Licht und Staub - Werden und Vergehen

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Hoch oben im Kirchenschiff durchmisst ein Lichtbalken der Länge nach den winterlich-dunklen Raum. Von einem Projektor auf der Empore verursacht, folgt er der hierarchischen Richtung des Gebäudes: Er leuchtet über die Bankreihen der Gemeinde hinweg zum Allerheiligsten, zur schlichten halbrunden Apsis mit Altar und Kruzifix. Die geometrische Klarheit des gerichteten Lichts fügt sich deutlich und respektvoll zum strengen Gestus der sachlich-modernen Architektur. Über der Skulptur des Gekreuzigten berührt der Strahl das verputzte Mauerwerk und wird als in sich bewegtes, rechteckig begrenztes Bild wahrnehmbar. Dabei entsprechen sich Form und Inhalt, Medium und Gegenstand: Das Lichtbild an der gewölbten Wand bringt wiederum die Filmaufnahme eines Lichtstrahls zur Anschauung, der diesmal jedoch entgegen der rechtwinkligen Symmetrie des Gebäudes als steil diagonal angeschnittene Vertikale das projizierte Feld durchschneidet. In Zeitlupe erscheinen darin filigrane Staubwolken, die in meditativer Langsamkeit wirbeln, steigen und sinken. Ihre fragile Anmutung und schwellende Sinnlichkeit treten der kühl-abstrakten Heiligkeit des Ortes entgegen. Licht wird seinem Wesen nach nur sichtbar, wenn es etwas beleuchten kann; und nicht das Licht selbst ist dann sichtbar, sondern die Oberfläche des beleuchteten Gegenstandes. So offenbaren Licht und Staub sich in diesem Werk gegenseitig: die angestrahlten Partikel in der Luft erst verraten den Projektionsstrahl im Raum und werden zugleich durch diesen selbst sichtbar. Auch im gezeigten Film ist der Staub nur im Durchgang durch das Helle erkennbar, außerhalb davon, im Dunkeln, bleibt er abwesend. Der Betrachter mag dieses fein und ruhig bewegte Bildwerk zur bloßen Wahrnehmungsfreude auf sich wirken lassen, als Einladung an die Augen, sich im konzentrierten Schauen zu üben oder auszuruhen. Auch mag der Blick sich spielerisch anregen lassen und in den rund hervorquellenden Staubgebilden flüchtige Ahnungen von Gestalt und Gegenständlichkeit erblicken, wie man sie beim Betrachten weißer Kumuluswolken haben kann. Ist ein Kirchenraum idealtypisch geostet (hier ist er im städtebaulichen Kontext nach Norden gerichtet), dann erleuchtet die aufgehende Sonne am Morgen zuerst den Altarraum, sie erscheint dem von Westen Eintretenden entgegen. Dieses tägliche Erweckungserlebnis ist in christlicher Auffassung mit Heil und Heiland, neuem Leben und Erlösung verbunden: Das Licht ist optisches Phänomen und Symbol zugleich. Entsprechend wird der Heilige Geist von der christlichen Malerei als goldenes Strahlenbündel vorgestellt. So können sich weitere gedankliche Assoziationen einstellen, die das Videobild mit der spirituellen Bedeutung des Ortes verbinden. Solche Deutungen bleiben wie der Staub selbst schwebend und in sympathischer Offenheit, wenngleich Bezüge zu christlichen Bildern und Denkwegen nicht fern liegen: Staub als jener Urstoff, aus dem nach Gottes Ebenbild der Mensch geformt wird, oder als Chiffre von Buße und Demut, als Sinnbild der Winzigkeit im Angesicht des Kosmos und damit als materielle Klammer zwischen Leben und Tod: eine Vermittlungssubstanz zwischen „Stirb und Werde", Flüchtigkeit und Dauer. Derartige Zusammenhänge kann man für Verständnis und Deutung der Videoinstallation an diesem Ort fruchtbar machen, ohne dass sie doch den Anspruch einer verbindlichen Interpretation im Sinne eines ikonographischen Gefüges erheben. Sie sind ebenso schön, zart und flüchtig wie die gezeigten Staubgebilde. Dennoch scheint das Werk ästhetisch und philosophisch Grundsätzliches zum Thema zu haben: Das Ereignis des Lichtes, die dynamische Spannung von An- und Abwesenheit, von Hell und Dunkel, Form und Auflösung. All dies kann auch jenseits strenger theologischer Vorstellungen zur geistlich-geistigen Kontemplation anregen.

Johannes Vincent Knecht


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