Lindow ist so reizend wie sein Name

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So sagte es Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg". Aber dem Elternkreis von St. Bernhard ging es nicht darum, die Schönheiten des an drei Seen gelegenen Ortes zu erkunden. Unser Ziel war die 1931 konsekrierte Kirche St. Joseph, die ebenso wie die Dahlemer Kirche St. Bernhard von dem damaligen Oberbaurat Wilhelm Fahlbusch erbaut, aber im Hinblick auf die jetzt kleine Zahl der Katholiken nicht mehr genutzt wurde. Wie es schon einmal in den Pfarrnachrichten dargestellt wurde, lebt dort seit dem Jahr 2014 Pater Jürgen Knobel als Priester-Eremit. Seine Klause/Eremitage ist mit Hilfe des Erzbistums Berlin, eines Förderkreises in Lindow und des Bonifatiuswerks durch den Umbau der Sakristei entstanden. Pater Jürgen hat seine Klause „St. Bernhard" genannt. Er fühlt sich auch dem geistlichen Erbe der Zisterzienserinnen verpflichtet, die hier seit dem 13. Jahrhundert bis 1541 in einem Kloster gelebt haben.

Nun kommt uns Pater Jürgen in seiner Eremitentracht, die er nach alten Vorbildern  gestaltet hat, entgegen. Sie besteht aus einer weißen Leinenhose, einem weißen Leinenhemd, einer weißen Leinenkappe und dunkelbraunem Skapulier. Alltags und zur Arbeit trägt Pater Jürgen zu einer weißen Wollhose einen dunkelbraunen Wollpullover.

Pater Jürgen ist einer von ca. 80 Eremiten in Deutschland. Aber er ist der einzige Priester-Eremit, und so feierten wir gemeinsam die heilige Messe. Wie erfreut waren wir über den so schön gestalteten lichten Kirchenraum, den wir nach der langen Nutzungspause so nicht erwartet hatten. Wir erfuhren, dass im Raum Northeim die Kirche St. Jakobus in Kahlefeld verkauft worden war. Ein großer Teil der Ausstattung dieser Kirche ist als Geschenk nach Lindow gebracht worden. So sahen wir in dem kürzlich geweißten Kirchenraum einen eindrucksvollen Tabernakel, wertvolles Altargerät, einen schönen Ambo und helle Kirchbänke. Nach der heiligen Messe kamen wir auch mit Katholiken aus Lindow ins Gespräch, die dankbar sind, dass sie jetzt jeden Sonntag um 11 Uhr die heilige Messe feiern können. In den letzten Jahren mussten sie nach Neuruppin, Rheinsberg oder Gransee fahren.

Am Nachmittag hatte Pater Jürgen für unsere Gruppe Zeit. Er hatte in einem der drei Holzhäuser, die auf dem Kirchengrundstück stehen, geheizt und für uns 13 Gäste den Kaffeetisch gedeckt; Neskaffee und Kuchen brachten wir mit. Aber bevor wir an unser leibliches Wohl dachten, wollten wir von Pater Jürgen etwas über eremitisches Leben erfahren und ganz besonders über seinen Weg. Dieser ist schon recht ungewöhnlich. Jürgen Knobel wuchs am Bodensee auf, studierte nach dem Abitur Malerei und war bis zu seinem 30. Lebensjahr künstlerisch tätig.  Wie er sagte,  gab es für ihn dann nichts mehr zu malen. Auf der Suche nach Erfüllung trat er für kurze Zeit in ein Franziskanerkloster ein, begann dann aber auf Wunsch des Erzbischofs von Berlin im Zisterzienserkloster Heiligenkreuz bei Wien 1994 das Theologiestudium. 2002 wurde er durch Kardinal Sterzinsky zum Priester geweiht, wirkte als Kaplan in einigen Gemeinden des Erzbistums und absolvierte mehrere Ausbildungen u.a. zum Geistlichen Begleiter, zum Exerzitien- und Meditationsleiter. Wie Pater Jürgen sagte, suchte er schon als Kind die Einsamkeit, das Alleinsein. So war für Pater Jürgen der folgerichtige Weg Eremit zu werden. Die Lebensform des Eremiten ist in das Kirchenrecht aufgenommen worden. Der Eremit untersteht nur dem Ortsbischof. Pater Jürgen hat auf Weisung eine Regel entworfen, nach der er sein Leben einrichten wollte. Dieser Entwurf wurde lange geprüft. Er legte dann vor  Kardinal Woelki und in der Öffentlichkeit das Gelübde auf die evangelischen Räte ab. Sein Tagesablauf: 6 Uhr Aufstehen, 45 Minuten Meditation, in der Klause Feier der heiligen Messe, Stundengebete, unterbrochen von Arbeiten auf dem Grundstück oder geistigem Arbeiten, 45 Minuten Meditation, 21 Uhr Nachtruhe.

Im Sommer 2014 wurde die Klause St. Bernhard von Kardinal Woelki geweiht. Wenn Pater Jürgen von diesem Tag spricht, strahlt eine große Freude aus seinen Augen. Hat er das gefunden, was er suchte, das Alleinsein? Pater Jürgen lacht. Ein erfahrener Eremit sagte ihm schon vor Jahren: "Du glaubst doch nicht, dass du dort Ruhe findest." Eremitisches Leben ist nicht vollkommenes Sichzurückziehen von der Welt, es ist auch immer ein Leben für die anderen. "Allein - für Gott und die Menschen" war der Titel einer Sendung im „Deutschlandradio Kultur", das ein Interview mit Pater Jürgen wiedergab. In diesen sechs Worten liegt eigentlich das, was eremitisches Leben ausmacht. Im Alleinsein versucht der Eremit, sich den tieferen Wahrheiten des Lebens zu nähern. Pater Jürgen drückt es so aus: „Wenn die inneren Gedanken zurücktreten, dann beginnt das wirkliche Gebet, also das Sprechen mit Gott".

Nach diesem so eindrucksvollen Gespräch führt uns Pater Jürgen noch einmal in die Kirche und spendet uns seinen Segen. Wir fahren in großer Dankbarkeit für diese Stunden zurück nach Berlin mit dem Wissen, dass es jetzt wieder still in der Klause ist und Pater Jürgen auch uns in sein Gebet mit einbezieht.

Angelika Westphal


 

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