Mariä Erwählung

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Von Elisabeth M. Kloosterhuis


Mariä Erwählung wird das „Hochfest der unbefleckten Empfängnis Mariens" (immaculata conceptio), welches die Kirche am 8. Dezember begeht, im deutschen Volksmund auch gelegentlich genannt. Dieses Fest erscheint uns modernen Menschen nur schwer zugänglich und doch ist es nach katholischem Verständnis fester Bestandteil des Erlösungswerkes Gottes.

Im Advent gelegen, neun Monate vor Mariä Geburt (8. September), ist der 8. Dezember in Deutschland kein Feiertag mehr, anders als in Österreich, den katholisch geprägten Kantonen der Schweiz oder südlichen Ländern wie Italien, Spanien oder Portugal, wo die Marienverehrung noch einen anderen Stellenwert besitzt. Die Kirche erinnert mit diesem Fest an ein römisch-katholisches Dogma, nach der dem Gottesmutter Maria vor jedem Makel der Erbsünde bewahrt wurde.

Laut Dogma hat Gott vom ersten Augenblick ihres Lebens an Maria vor der Sünde bewahrt, weil sie die Mutter Jesu werden sollte. Dieses Dogma bezieht sich nicht auf die Empfängnis Jesu, welche die Kirche am 25. März (neun Monate vor Weihnachten) begeht, sondern auf die seiner Mutter Maria, welche auf natürliche Weise von ihren Eltern Anna und Joachim gezeugt, empfangen und geboren wurde. Es sagt nichts aus über das Tun ihrer Eltern, sondern über ein Handeln Gottes an Maria. Es trifft keine moralische Wertung, sondern eine Glaubensaussage in der Denkweise der spätscholastischen Ontologie (Lehre von den allgemeinen Seinsbestimmungen).

Immaculata (die Unbefleckte) ist seit Jahrhunderten einer der wichtigsten Titel Mariens in kirchlicher Marienverehrung. Das Fest der Erwählung Mariens im Mutterleib wird seit dem 9. Jahrhundert begangen, zunächst in der Ostkirche als „Tag der Empfängnis der allerheiligsten Gottesmutter durch Anna".

Im Westen führte es Anselm von Canterbury (1033-1109), Hauptvertreter der Frühscholastik und Vertreter der Immaculata-Lehre, um 1100 in seiner Diözese ein. Von Canterbury aus trat das Fest seinen Siegeszug durch Europa an, gestärkt durch die zunehmende Marienverehrung der Kreuzzugsbewegung des Hochmittelalters. Aufgrund der ungeklärten dogmatischen Situation herrschte während des gesamten Mittelalters ein erbitterter Disput innerhalb der Kirche, an dem sich alle führenden Theologen beteiligten. Er betraf die Frage, ob Gott Maria von der Erbsünde gereinigt habe oder sie ohne Sünde empfangen wurde.

1477 führte Papst Sixtus IV. (reg. 1471-1484) den 8. Dezember als Festtag in Rom ein. Er galt als entschiedener Verfechter der Immaculata-Lehre und wollte ihr zu allgemeiner Anerkennung verhelfen. 1483 erließ er daher die Bulle „Grave nimis" und erklärte so unmissverständlich die Freiheit Mariens von der Erbsünde.

Auch das Konzil von Trient (1546-1563) nahm die Heilige Jungfrau ausdrücklich von der Erbsünde aus. Und 1708 wurde der 8. Dezember durch Papst Clemens XI. (reg. 1700-1721) als Hochfest für die gesamte katholische Kirche verbindlich gemacht. Papst Pius IX. (reg. 1846-1878) verkündete schließlich am 8. Dezember 1854 in seiner Bulle „Ineffabilis Deus" (Der unbegreifliche Gott) das Dogma von der unbefleckten Empfängnis Mariens. Dieses Dogma wurde von Papst Pius XII. (reg. 1939-1958) 1950 in seiner Bulle „Muniticentissimus Deus" von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel bekräftigt. Zusätzliche Bedeutung erlangte das Dogma von der unbefleckten Empfängnis, besonders im 19. Jahrhundert, durch die Marienerscheinungen von Lourdes, einem heute weltweit bedeutenden Wallfahrtsort. Die Erscheinungen der Bernadette Soubirous von 1858 stärkten erneut die Marienverehrung innerhalb der römischen Kirche. Die von ihr als „schöne weiße Dame" Bezeichnete offenbarte sich selbst als „unbefleckte Empfängnis".

Seit 1953 pflegen die Päpste in Rom den Brauch, sich am Nachmittag des 8. Dezember zur Säule der unbefleckten Empfängnis auf der Piazza di Spagna zu begeben, die nach der Verkündigung des Dogmas von Papst Pius IX. 1856 dort errichtet wurde. Der Papst wendet sich, nach Übergabe eines Blumengebindes, im Gebet vertrauensvoll an die heilige Jungfrau. Der orthodoxe Festkalender spricht von „Mariä Erwählung", ein Begriff, der offenbar auch im deutschen Sprachgebrauch verwurzelt ist. Den Gedanken an die unbefleckte Empfängnis teilt die orthodoxe Kirche jedoch nicht. Auch die Kirchen der Reformation lehnen ihn ab, obwohl sich Luther anfangs zur Immaculata-Lehre bekannte.

Ein schöner mittelalterlicher Brauch, nach dem man am 8. Dezember mit der weihnachtlichen Bäckerei begann, ist leider in Vergessenheit geraten. Und doch könnte er uns das Marienfest und die nahenden Weihnachtstage wieder ein wenig bewusster erleben lassen.



Literatur:

K.-H. Bieritz: Das Kirchenjahr. Feste, Gedenk- und Feiertage in Geschichte und Gegenwart. 6. Aufl. 2001. S. 210.; R. Berger: Pastoralliturgisches Handlexikon. Freiburg 2005. S. 458.; G. Lohfink; L. Weimer: Maria - nicht ohne Israel. Eine neue Sicht der Lehre von der unbefleckten Empfängnis. Freiburg/Br. 2008. (Immaculata).; W. Beinert; H. Petri (Hrsg.): Handbuch der Marienkunde. Regensburg 1984.; J. Ratzinger: Die Tochter Zion. Betrachtungen über den Marienglauben der Kirche. Einsiedeln 1977.; Kl. Schreiner: Maria. Leben-Legenden-Symbole. München 2003. S. 108ff.; Kl. Schatz: Kirchengeschichte der Neuzeit II. 3. Aufl. Düsseldorf 2008. S 74 ff.

 

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