Nie wieder Yedikule!

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Eine Kulturreise führte 21 Gemeindemitglieder aus Maria Rosenkranzkönigin und weiteren Gemeinden des Erzbistums vom 1. bis 13. September 2014 nach Istanbul. Die Reiseleitung lag in den bewährten Händen von Pfarrer Desczyk und Signora Leinfelder. Für 13 Tage quartierten wir uns im Hotel Artefes ein, das im Stadtbezirk Fatih und im Viertel Sultanahmet liegt. Somit wohnten wir in der Altstadt und bewegten uns über die hügeligen Straßen. Ausgestattet mit einem ausführlichen Besichtigungsprogramm, waren wir auf der Suche nach dem Istanbul, das Alexander von Humboldt als die schönste Stadt der Welt bezeichnete. Schon vom ersten Tag an war allen Beteiligten klar, dass der Pfarrer unerbittlich seine ambitionierten und akribisch geplanten Ziele erreichen wollte. Sehr schnell lernten wir seine Vorliebe für Moscheen aller Gattungen und Zeiten kennen. Die Schuhe zogen wir gern aus, doch berücksichtigte der Mann an unserer Seite nicht, dass sich die mitreisenden Damen mindestens durch Tücher verkleiden mussten. Wir nahmen aber die Herausforderungen an und schwitzten, ohne ein Dampfbad aufzusuchen.

Schon am zweiten Tag steuerten wir mit dem Besuch der Cisterna Basilica einen der vielen Höhepunkte unserer Reise an. Ein kleines Reservoir war wohl Vorläufer des höhlenartigen Gewölbes, welches 532 n. Chr. unter Kaiser Justinian angelegt wurde. Wir stiegen 52 Stufen hinunter und waren von unzähligen sich im Wasser spiegelnden Säulen geblendet. Zu byzantinischer Zeit versorgte die Zisterne den Wasserbedarf des in der Nähe gelegenen Kaiserpalastes. „Versunkener Palast", so sagt der Volksmund. Die in unmittelbarer Nähe liegende Hagia Sophia oder „Kirche der Heiligen Weisheit" ist über 1400 Jahre alt und beeinflusste richtungweisend die Architektur der folgenden Jahrhunderte. Ein irdischer Spiegel des Himmels sollte sie sein, und jeder Besucher ist ohne Zweifel beeindruckt von der Großartigkeit des Raumes und seiner Ausstattung. Die herrlichen Mosaiken, die zu unterschiedlichen Zeiten angebracht und nach 1935 freigelegt wurden, lassen niemanden unberührt. Der Gesamteindruck wurde durch ein Gerüst getrübt, das allerdings nicht auf emsige Arbeit schließen lässt. Am Topkapi-Palast, dem „Kanonentor-Palast", der vier Jahrhunderte lang der Wohn- und Regierungssitz der Sultane und das Verwaltungszentrum des Osmanischen Reiches war, interessierte einen unserer Mitreisenden eigentlich nur der Harem. Seine Neugierde wurde auf eine harte Probe gestellt, denn er musste u. a. durch vier Höfe schreiten, wurde in der Schatzkammer mit dem berühmten mit Smaragden verzierten Topkapi-Dolch und dem 86-karätigen „Löffler-Diamanten" aufgehalten, ehe er das Ziel seiner Sehnsucht erreichte. Er hätte aber Sultan sein müssen, um das „Haus der Glückseligkeit" mit den mehr als 300 ineinander verschachtelten Räumlichkeiten betreten zu dürfen. Obwohl er keine Haremsdame antraf, hielt sich seine Enttäuschung in Grenzen.

Sonntag waren wir froh, nach all den Moscheen unsere Füße zum Besuch der heiligen Messe in das St. Georgs-Kolleg lenken zu können. Mitglieder der österreichischen Missionskongregation der Lazaristen gründeten es vor mehr als 130 Jahren und unterrichten bis zum heutigen Tage vorwiegend Schüler mit türkischer Staatsbürgerschaft. Interessante Gespräche schlossen sich an den Gottesdienst an. Ein Bummel über die Istiklal Caddesi führte uns zum Taksimplatz,  der im Frühjahr durch die Proteste bekannt wurde. Lautstark äußerte eine Fahnen schwenkende kleine Gruppe junger Leute ihren Unmut über Erdogan, beobachtet von einer Überzahl von Polizisten. Mit dem ehemaligen Chora-Kloster betraten wir das in vielen Augen schönste und bedeutendste byzantinische Baudenkmal Istanbuls. In den 1950er-Jahren legte das Byzantine Institute of America die im 13. bzw. 14. Jh. entstandenen kunsthistorisch wertvollen Fresken  und Mosaiken frei. Aus der ehemaligen Klosterkirche und späteren Moschee wurde ein Museum mit Weltruhm. Das ikonografische Programm ist gleichermaßen Christus wie Maria gewidmet. Unvergessen das Mosaik „Christus als Pantokrator" über dem Portal zum inneren Narthex. Oder das Fresko „Höllenfahrt Christi": Christus zertritt die Tore des Hades und zieht Adam und Eva aus ihren Sarkophagen. Ein besonderes Erlebnis war die Fahrt durch den  Bosporus zum Schwarzen Meer. Damit befuhren wir eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Die Stadt Istanbul zieht sich über mehrere Kilometer am Ufer entlang.  Zwei Brücken überspannen die wichtigste Verkehrsader der Türkei und verbinden den europäischen mit dem asiatischen Teil.

Am vorletzten Tag unserer Reise besuchten wir per Schiff eine der Prinzeninseln, die im Marmarameer liegen. Auf der Höhe der Insel Heybeli Ada liegt ein griechisch-orthodoxes Kloster. Etliche von uns zogen eine Kutschfahrt dem Fußweg in der Hitze vor. Im Jahre 1971 wurde das Priesterseminar geschlossen. Beeindruckt hat uns in der Kirche eine Ikone aus dem 14. Jh.

Sie zeigt Maria und das Jesuskind, das sich seiner Mutter zuwendet. Während der drei Busfahrten ließen wir Istanbul hinter uns. Einmal ging es nach Edirne (Adrianopel), der  westlichsten Großstadt der Türkei, im bulgarisch-griechisch-türkischen Dreiländereck. Damit betraten wir die zweite osmanische Metropole und lernten mit Sinan den größten osmanischen Architekten aller Zeiten kennen. In seinem Gesamtwerk orientierte er sich an der Architektur der Hagia Sophia in Istanbul und bezeichnete die Selimiye-Moschee als „mein Meisterwerk". Die zweite Busfahrt führte uns auf die asiatische Seite Istanbuls, nach Iznik, das uns als Nizäa bekannt ist. Wir denken an das erste Konzil von Nizäa im Jahre 325 mit der Verabschiedung des heute noch gültigen Glaubensbekenntnisses. Das älteste Bauwerk ist die Kirche der Hagia Sophia, die Konzilskirche aus dem 4. Jh. Bis zur osmanischen Eroberung 1331 war sie eine christliche Kirche im byzantinischen Basilikastil, danach eine Moschee. Nach Gründung der Türkischen Republik wurde aus der Moschee ein Museum und seit November 2011 erneut eine Moschee. Ankara: „Dies ist eine Moschee, und sie wird als Moschee genutzt werden. Neben Moslems auch Christen hier ihre Gottesdienste verrichten zu lassen, erscheint uns unpassend." (Susanne Güsten im Deutschlandfunk, 13.12.2011) Internationale und auch türkische Proteste blieben erfolglos. Auf Schritt und Tritt begegneten wir der berühmten Iznik-Keramik, der glasierten Töpferware, die zwischen dem 15. und 17. Jh. hier hergestellt wurde. Für die dritte Busfahrt hatten wir Bursa als Ziel. In Erinnerung bleiben die überraschende Größe der Stadt und die sie umgebenden Berge, die ein beliebtes Wintersportgebiet sind. Der Seidenbasar muss in seiner Fülle auch erwähnt werden.

Wie bewegten wir uns in Istanbul? Die Istanbulcard leistete uns wertvolle Hilfe, da sie nicht nur für die Straßenbahnfahrten eingesetzt werden kann. Erleichtert wird die Benutzung durch das Aufladen an Automaten. Mit Erstaunen und großer Bewunderung für die technischen Möglichkeiten benutzten wir außerdem das Teilstück eines gigantischen Eisenbahn-Verkehrsprojektes, die Marmaray. Der Bosporus wird seit Oktober 2013 in einem 1387 m langen Absenktunnel unterquert, der 56 m unter dem Meeresspiegel unter der Meerenge hindurchführt. Sagenhaft!

Nun kommen wir zur Aufklärung des unverständlichen Titels dieses Reiseberichtes. Warum wollen wir eigentlich nicht wieder nach Yedikule? Dazu muss man wissen, dass wir auch Taxen, jeweils 5 an der Zahl, als Fortbewegungsmittel nutzten. Yedikule, die „Burg der sieben Türme", direkt an der Theodosianischen Landmauer gelegen, war am zweiten Tag eines unserer Ziele. Warum kamen nicht alle gecharterten Taxen am Einlass zur Besichtigung der Anlage an? Jede Taxe wurde vom Reiseleiter mit dem Stichwort „Yedikule" bedacht. Da das Zauberwort „Zindanlari" (Kerker) fehlte, kutschierte der des Englischen nicht mächtige Taxifahrer seine Gäste durch das Stadtviertel Yedikule. ... Schuldbewusst lud der Reiseleiter die Angekommenen in das Areal ein. Jeder von uns hat übrigens sein eigenes „Yedikule". Fragen Sie ruhig nach! Aufzählen können wir an dieser Stelle nur: Blaue Moschee, Hippodrom mit gemauerten und ägyptischem Obelisken, Schlangensäule und Kaiser-Wilhelm-Brunnen, Konstantinssäule, Kücük Aya Sofya Cami (Sergios- und Bakchos-Kirche), Byzantinische Castellruine am Bosporus, Galata-Turm, Rüstem-Pascha-Moschee mit Iznik-Fliesen, Basare (Arasta Carsi hinter der Blauen Moschee!!!), Gülhane Parki mit einmaligem Blick auf das Marmarameer, Eyüp Sultan Camii am Goldenen Horn, eine Wallfahrtsstätte mit Standseilbahn zum Café Loti, Sakirin Cami seit 2009 in Üsküdar... Manche Sehenswürdigkeit wurde am freien Tag besucht. Ob Istanbul die schönste Stadt der Welt ist, muss jeder für sich entscheiden. Auf jeden Fall kehrten wir, versehen mit vielen und beeindruckenden Erlebnissen, nach Hause zurück. Wir danken Pfarrer Desczyk und Signora Leinfelder für ihre nimmermüde und vorausblickende Fürsorge in diesen 13 Tagen. Sie konnten auch mit uns zufrieden sein: stets folgsam und um eine gute Stimmung bemüht.

Ingrid Fischer und Sieglinde Lemke




 

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