Johannes Paul II. Papst und Prophet, Pilger und Poet

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Papst und Prophet, Pilger und Poet

Johannes Paul II. (1920-2005)

1978: Papst Paul VI. stirbt an dem Fest, das er zeitlebens so geliebt hat: am
6. August - Verklärung des Herrn, nach 15 stürmischen Jahren seit Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965). Zum Requiem ist der Petersplatz halb voll, halb leer - geradezu symbolisch. Sieben Wochen später das nächste Requiem: Papst Johannes Paul I. stirbt am 28. September nach nur 33 Tagen lächelnder Güte. Die Welt hält den Atem an. Wie wird es mit der Kirche weitergehen?

In zehn Wochen erlebt die Kirche drei Päpste. Die 111 zum Konklave versammelten Kardinäle wählen am 16. Oktober, Tag der heiligen Hedwig von Schlesien, den ersten Nicht-Italiener seit fast 500 Jahren und nach zwei Jahrtausenden den ersten slawischen Papst der Geschichte: Karol Wojtyła - bis dahin Erzbischof von Krakau. Nur 58 Jahre alt. Für einen Papst zu jung? „Ich komme aus einem fernen Land.", stellt er sich als Johannes Paul II. auf der Loggia von St. Peter vor. Die Welt staunt: ein Pole! Aber wer ist dieser Mann? Und was will er? Wie wird die Kirche mit ihm weitergehen? Das abgelegte rote Kardinalsbirett wirft er nach der Wahl hinter den Eisernen Vorhang dem Erzbischof von Riga zu. Mit der Bemerkung: er selber werde später nachkommen. Wie bitte?

Und am 22. Oktober ruft er bei seiner Amtseinführung auf dem St. Petersplatz der Welt zu: „Habt keine Angst! Öffnet, ja, reißt die Tore weit auf für Christus! Öffnet seiner rettenden Macht die Grenzen der Staaten, die ökonomischen und politischen Systeme, die weiten Bereiche der Kultur, der Zivilisation und des Fortschritts! Habt keine Angst! Christus weiß, was im Innern des Menschen ist. Er allein weiß es... Erlaubt also - ich bitte euch und flehe euch in Demut und Vertrauen an -, erlaubt Christus zum Menschen zu sprechen! Nur er hat Worte des Lebens." Prophetische Worte, die (noch) keiner versteht. Und er fügt hinzu: „Ich möchte alle aufsuchen, alle, die beten, dort, wo sie beten - den Beduinen in der Wüste, die Karmeliterin und den Zisterziensermönch in ihren Klöstern, den Kranken an seinem Lager, den Geschäftsmann, der mitten im Leben steht, die Unterdrückten und Erniedrigten in aller Welt - ich möchte über die Schwelle eines jeden Hauses treten." Er meint es ernst. Sein väterlicher Freund, der Primas von Polen, Stefan Kardinal Wyszyński, ahnt es und flüstert ihm bei der Reverenz der Kardinäle zu: „Du wirst die Kirche ins dritte Jahrtausend führen." Ein weiter Weg. Aber Wyszyński wird Recht behalten.

Nach der ersten Überraschung im Westen, der Freude bei den Völkern im Osten und dem Schock vieler Despoten beginnen Historiker und Journalisten mit ihrer Arbeit: Was weiß man von Karol Wojtyła?

Am 18. Mai 1920 in Wadowice geboren, einer Kleinstadt im Karpatenvorland, 8.000 Einwohner, davon ein Viertel Juden. Karol ist von Kindheit an ein heller Kopf mit tausend Ideen. Auf dem Gymnasium spielt er im Schultheater, beim Fußball - katholische gegen jüdische Mannschaft - steht Lolek, wie er genannt wird, im Tor der Juden. Erste Schicksalsschläge treffen und prägen ihn: die Mutter stirbt, als er neun Jahre alt ist, der ältere Bruder, bereits Arzt, drei Jahre später. Nach dem Einser-Abitur zieht er mit dem Vater nach Krakau. An der Jagellonen-Universität Studium der Philosophie und Polnischen Philologie. Mitglied im „Studio (19)38": experimentelles Theater. Ministrant an der Kathedrale auf dem Wawel.

1939: Einmarsch Deutschlands in Polen. Die Universität wird aufgehoben. Alle Krakauer Professoren werden deportiert und ermordet. Karol arbeitet im Winter tagsüber in einem Steinbruch bei minus 30 Grad, später im Chemiewerk Solvay. Abends spielt er im Untergrundtheater. Ein Schneider, Jan Tyranowski, erschließt ihm durch die Werke Johannes' vom Kreuz und Teresas von Ávila die karmelitische Spiritualität, aus der er zeitlebens schöpfen wird. Anfang 1941 stirbt auch der Vater. Mit zwanzig ist der junge Mann Vollwaise. Aus Karol wird Wojtyła. „Die Gewalt der Schicksalsschläge, die ihn getroffen haben, hatte in ihm ungeheure spirituelle Tiefen offengelegt, sein Schmerz wurde zum Gebet": das legt er einer seiner dramatischen Figuren in den Mund... Immer häufiger bewegen ihn Gedanken einer geistlichen Berufung. Er nimmt die Familie von Mieczysław Kotlarczyk, Gründer des „Theaters des lebendigen Wortes", in seine Wohnung auf. Der rät ihm: „Du hast eine glänzende Zukunft als Schauspieler vor dir. Was kannst du schon als Priester werden?"

Im nächsten Jahr beginnt er das Theologiestudium am Untergrund-Seminar des Krakauer Fürstbischofs Adam Kardinal Sapieha und verabschiedet sich vom Künstlerleben mit einem letzten Bühnenauftritt in einem Stück Juliusz Słowackis, der hundert Jahre zuvor von einem slawischen Papst träumte. Bis zur „Befreiung" Polens durch die Sowjetunion Anfang 1945 folgen zwei weitere Ereignisse: einmal wird Wojtyła von einem deutschen Armeelaster angefahren und schwerverletzt von einer Jüdin auf dem Weg ins Krankenhaus gestützt, ein andermal entgeht er deutschen Soldaten bei einer Hausdurchsuchung, indem er sich unter den Dielen seiner Wohnung versteckt. Auch das prägt ihn: „Habt keine Angst!".

Priesterweihe an Allerheiligen 1946 in der Hauskapelle des Krakauer Kardinals. Primiz an Allerseelen: drei hl. Messen sind dem Priester an diesem Tag erlaubt. Wojtyła feiert sie für Mutter, Vater und Bruder. Sapieha schickt ihn zum Studium am Angelicum nach Rom. Er lernt Italienisch, Französisch, nebenbei auch Deutsch und Spanisch. Dissertation über den hl. Johannes vom Kreuz. Zurück aus der Weltstadt, wird er 1948 Kaplan einer Landpfarrei, die er beim Dienstantritt, wie einst der hl. Pfarrer von Ars, mit einem Bodenkuss begrüßt. Mit dieser Geste wird er später weltweit jede Ortskirche ehren. Im Jahr darauf ist er Studentenpfarrer an St. Florian in Krakau. Es bildet sich das „Wojtyła-Milieu": Studenten, Intellektuelle, Künstler mit Themen um Religion, Philosophie, Kunst und Politik. Er veröffentlicht Gedichte unter Pseudonymen, habilitiert sich im Fach Moraltheologie (1953) und wird Dozent für Katholische Soziallehre an der Theologischen Fakultät Krakau, später für Philosophie und Ethik an der Katholischen Universität von Lublin. 1958 ernennt ihn Pius XII. zum Weihbischof von Krakau. In der Bischofskonferenz gehört er zu den Progressiven. 1960 erscheint sein Buch „Liebe und Verantwortung". So offen, einfühlsam und klar hat vor ihm in Polen noch kein Kleriker über Sexualität gesprochen. Während des Zweiten Vatikanum bewältigte Wojtyła nicht nur die immensen Aktenberge, sondern er erholte sich auch bei Gebirgswanderungen und Skiausflügen. 1963: historische Handreichung zwischen dem polnischen und deutschen Episkopat als Zeichen der Versöhnung zwischen deren Völkern. Im Jahr darauf ernennt Paul VI. Wojtyła zum Erzbischof von Krakau. 1965 Reise ins Heilige Land. 1967 (zusammen mit Alfred Bengsch) Kreierung zum Kardinal - mit 47 Jahren ist er der jüngste Purpurträger. 1976 hält er die Fastenexerzitien im Vatikan für den Papst und die Kurie („Zeichen des Widerspruchs").

War nach diesem Werdegang die Wahl Wojtyłas so überraschend? Das Kardinalskollegium entschied sich für einen Mann, der durch die Diktaturen von Nationalsozialismus und Kommunismus geprägt war - eine „starke" Botschaft an die Welt! Zu Beginn seiner ersten Reise nach Polen 1979 sagt Johannes Paul: „Die Kirche hat ihr Schweigen gebrochen, jetzt spricht sie mit meiner Stimme." Und in Warschau: „Ich rufe, ich, ein Sohn polnischer Erde und zugleich Papst Johannes Paul II., ich rufe aus der ganzen Tiefe dieses Jahrhunderts, rufe am Vorabend des Pfingstfestes: Sende aus deinen Geist!". Er wiederholt: „Sende aus deinen Geist! Und erneuere das Angesicht der Erde!". Pause. Und mit einem demonstrativen Fingerzeig auf den Boden: „Dieser Erde!".

Polen jubelt, Europa hat endlich verstanden, und die Politbüros dieser Welt beginnen zu zittern. Auschwitz, wo neben Millionen Juden auch 2.000 polnische Priester ermordet wurden, nennt er das „Golgotha der heutigen Welt". Mit dem „Papst-Kugelschreiber" in der Hand unterzeichnet Lech Wałęsa nur ein Jahr darauf das Solidarność-Abkommen mit der kommunistischen Regierung. Der Eiserne Vorhang reißt...

13. Mai 1981 - Fatimatag: Der Türke Mohammed Ali Ağca verübt ein Attentat auf Johannes Paul II. Der Papst überlebt „wie durch ein Wunder", sagen die Ärzte. Zwei Jahre später besucht er Ağca im Rebibbia-Gefängnis. „Sag' mir, warum ich dich nicht töten konnte!", fragt der ihn. Was für eine Frage! 1984 schreibt der Papst allen Kranken einen Solidaritätsbrief: „Salvifici doloris" - Über den christlichen Sinn des menschlichen Leidens. Da hat sein Kreuzweg gerade erst begonnen. In der New York Times ist zu lesen: „Manchmal wirkt der Papst wie eine tragische Gestalt, einsam im Kampf gegen das Leid des Jahrhunderts. Wenn er jedoch ein Prophet wäre? Wenn er gekommen wäre, um uns eine Botschaft zu überbringen? Wenn er Dinge sehen würde, die wir nicht sehen? Dann würde die Tragik auf uns zurückfallen." 1985 spricht er vor 50.000 begeisterten muslimischen Jugendlichen im Stadion von Casablanca.

1989 - zehn Jahre nach dem ersten Papstbesuch: freie Wahlen in Polen. In Berlin fällt die Mauer, und die sowjetischen Satellitenstaaten purzeln wie Dominosteine. Hatte Stalin noch 50 Jahre zuvor gespottet: „Wie viele Divisionen hat der Papst?", wird der ehemalige Generalsekretär der KPdSU, Michail Gorbatschow, bald erklären: „Was in Osteuropa in den letzten Jahren geschehen ist, wäre nicht möglich gewesen ohne diesen Papst, ohne die große, auch politische Rolle, die Johannes Paul II. im Weltgeschehen gespielt hat." Wojtyłas Sicht der Dinge: „Der Baum war morsch. Ich habe nur fest gerüttelt, und die faulen Früchte sind heruntergefallen." Die alten Kardinäle waren 1978 (unbewusst?) weitsichtig: Sie hatten den Benjamin aus ihrer Mitte zum Papst gewählt und damit den Anfang vom Ende eines Imperiums herbeigeführt. 1991 gab es die Sowjetunion nicht mehr.

2000 - das Heilige Jahr; Ziel- und Angelpunkt des Pontifikats: In der Fastenzeit spricht Johannes Paul II. das große Mea culpa „Ich, Papst der Römischen Kirche, bitte im Namen aller Katholiken um Vergebung für alles Unrecht, das wir Nichtkatholiken im Laufe der Geschichte zugefügt haben."

Das Bild des gebrechlichen Papstes an der Klagemauer und in der al-Aqsa-Moschee. Die ökumenische Feier zum Gedenken der Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Elio Toaff, der Oberrabbiner von Rom: „Er hat das Verhältnis zwischen Juden und Christen neu begründet. Er hat 2000 Jahre des wechselseitigen Unverständnisses, der Kommunikationslosigkeit und Jahrhunderte des Leidens beendet." In den Jahren nach dem Großen Jubiläum lasten Krankheiten immer schwerer auf ihm: Spätfolgen des Attentats, Stürze, Operationen, Parkinson. Wer den Papst sieht, weiß, wer Simon von Cyrene ist. In der Sixtina schreibt er Gedichte: Römisches Tryptychon. 2003: Seligsprechung von Mutter Teresa.

2005: Statt vieler Sprachen ein stummer Ostersegen aus dem Fenster. Das „Lehramt des Leidens" spricht ein letztes Mal - im Schweigen.

Nach der Vesper vom Sonntag der Göttlichen Barmherzigkeit, den er selber 2000 in den liturgischen Kalender eingefügt hat, stirbt Johannes Paul II. am 2. April. Vier Millionen Menschen aus der ganzen Welt, die Oberhäupter fast aller Staaten der Erde reisen binnen Tagen nach Rom, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Einer der Großen der Geschichte, Petrus und Paulus in einer Person, hatte sie verlassen und war heimgekehrt. Einen solchen Abschied hatte die Welt noch nie erlebt.

An Herausforderungen war das Pontifikat nicht gerade arm: Zusammenhalt der Kirche nach dem Zweiten Vatikanum, Verkündigung des Glaubens, Moral, Ökumene, Internationalisierung der Kurie, Dialog zwischen den (monotheistischen) Religionen, Gerechtigkeit und Friede in der Welt, Sozialismus im Osten, Liberalismus im Westen, Befreiungstheologien in Lateinamerika, Islamisierung in Afrika, Synkretismus in Asien. Johannes Paul II. begegnete ihnen in seinen (über 100) Reisen in alle Welt, 14 Enzykliken und vielen Dokumenten, dem neuen Kirchenrecht (1983) und neuen Katechismus (1992), den Weltjugendtagen, der Begegnung der Weltreligionen in Assisi (1986), dem Heiligen Jahr (2000) und immer wieder mit großen Gesten und Symbolen. In der Konfrontation mit den Ideologien und allen Strömungen des Zeitgeistes blieb er „der Fels" und stritt für Wert und Würde der Person. Gegen Sozialismus (der Mensch ist nur Instrument der Gesellschaft) und Liberalismus (der Mensch ist nur Objekt des Konsums) verkündete er: von der Wahrheit gelöste Freiheit führt in die Irre und letztlich in den Abgrund. Wirtschaft, Rechtsordnungen und Gesellschaftssysteme müssen auf ein sittliches Fundament gegründet sein. Anthropologie und Soziologie müssen sich an der Schöpfungsordnung orientieren. Sehr pointiert: „Die Zukunft der Menschen liegt weder in Moskau noch in New York." Wojtyła wusste: Christus allein ist die Zukunft der Menschheit - eine andere hat sie nicht.

Kirche und Welt erlebten in diesem Papst einen alttestamentlichen Propheten und neutestamentlichen Apostel, der über alle Schwellen schritt, einen Beter und Pilger, Vater und Lehrer, Hirten und Heiligen - er war: Johannes Paul der Große.

A.N.D.

 

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