Schutz-Engel

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Von Elisabeth M. Kloosterhuis

Der Glaube an die Existenz von Engeln, von göttlichen Boten, ist in allen Religionen präsent. Man begegnet ihnen in allen Zeitaltern und Kulturen. Es gibt jüdische Engel, christliche sowie muslimische. Engel mit Heiligenschein in weißen Gewändern bevölkern auch den Buddismus, Hinduismus oder den iranischen Zoroastrismus. Selbst auf alten griechisch-etruskischen, sumerischen und assyrischen Reliefs oder in ägyptischen Gräbern finden wir geflügelte Himmelsboten. Daher betont die gesamte antike Ikonographie bei Engeln immer überdimensionale Flügel.

Das Wort Engel geht auf das griechische Wort angelos zurück, was genau wie sein hebräisches Äquivalent malach „Sendbote" bedeutet. Als körperlose Stimme oder leibhaftige Sendboten, in jedem Fall unsichtbar, unnahbar und frei von menschlichen Bedürfnissen, schweben Engel durch die Hälfte der biblischen Bücher, mal namenlos, mal mit Namen versehen. Im Alten Testament (Bsp. Gen 3,24; Gen 22,11-18; Esra 23,29; Jes 6,2-6; 2 Kön 19,35; 2 Makk 11,6-11; Dan 4,10) werden Engel als Gefolge des himmlischen Hofes dargestellt. Es ist vor allem ihre Aufgabe Gott zu preisen und seinen göttlichen Willen den Menschen zu übermitteln. Aber die Israeliten hatten je nach ihren verschiedenen Aufgaben zahlreiche andere Ausdrücke für die Engel (Diener, Gesandte, Bewacher, Heerscharen). So entstand eine ganze Engel-Hierarchie. Entsprechungen gibt es auch in persischen Mythen. Im Neuen Testament verkündet der Erzengel Gabriel der Jungfrau Maria, dass sie Gottes Sohn zur Welt bringen werde (Lk 1,31). Ein Engel erscheint Josef in seinen Träumen, damit er Maria und den jungen Jesus beschützen kann (Mt 1,20; 2,13; 2,20). Den Jüngern tut er die Auferstehung kund (Mk 16,5-8; Mt 28,1-8; Lk 24,4-9; Joh 20,11-14).

Seit dem 5. Jahrhundert übernahmen christliche Theologen die jüdische Engellehre und differenzierten sie. Bekannt wurde vor allem die Abhandlung über die Himmlische Hierarchie des nur unter Pseudonym bekannten syrischen Mönches Dionysius Areiopagites (um 500), welche die christliche Weltanschauung des Mittelalters stark beeinflusste. Seit der Zeit Papst Gregors d. Gr. (reg. 590-604) beschäftigten sich die Gelehrten ausführlich mit der Engellehre. Damals erfreute sich ein neunstufiges Gebäude der Engelhierarchie großer Beliebtheit. Begriffe wie Erzengel, Cherubime, Seraphime, Throne und Mächte sind uns noch heute geläufig. So widmete auch der bedeutende Theologe Thomas von Aquin (1224-1274) einen guten Teil seiner berühmten Summa theologica den Engeln. Seine scholastische Engel- und Dämonenlehre, in der er sich ausführlich mit dem Wesen der Engel, ihrer Vielfalt und Hierarchie (Ordnung) beschäftigt, prägt bis heute unser Bild von den Geistwesen. Die Lehrmeinung der katholischen Kirche hat jedoch nie offiziell zur einer Rangfolge der Engel Stellung bezogen. In den liturgischen Texten wird jedoch die Jahrtausende alte Vorstellung von einem himmlischen Hofstaat, vom weisungsgebundenen Wirken der Engel als Beschützer, Wächter und Seelenbegleiter weitergetragen.

Um eine Untergruppe von Engeln des niedrigsten Ranges entwickelte sich im Laufe der Zeit ein besonderer Kult - die Schutzengel. Der Glaube daran hatte bereits im antiken Judentum große Verbreitung gefunden. Dass die Seele eines jeden Menschen einen Schutzgeist oder Begleiter habe, hat die katholische Kirche nie zu einem Dogma erhoben, jedoch erklärte das vierte Laterankonzil von 1215 die Existenz unsichtbarer Geistwesen zur offiziellen Lehre, was vom ersten Vatikanischen Konzil (1869/1870) bestätigt wurde. Papst Pius XII. (reg. 1939-1958) erklärte, Engel seien als „persönliche Wesen" und nicht nur als unbestimmte, spirituelle Wesenseinheiten anzusehen. Jahrhunderte lang baten die Gläubigen immer wieder um einen besonderen Festtag, an dem sie ihren Schutzengeln danken könnten. Auch Thomas von Aquin sprach sich für einen solchen Tag aus. 1608 wurde ihnen von Papst Paul V. (reg. 1605-1621) schließlich der 2. Oktober als Festtag zugewiesen. Die protestantischen Reformatoren betonten den Engelkult nicht, wandten sich jedoch auch nicht gegen die ja sowohl im Alten wie im neuen Testament verankerte Vorstellung von höheren Wesen, die Gottes Werk verrichten.Für die geistig-religiöse Situation unserer Zeit scheint es typisch, dass in der gleichen Epoche, in der mit Zynismus über den biblisch-kirchlichen Engelglauben hergefallen wird, die Theologie durch die Ufologie und den Glauben an außerirdische Intelligenz ersetzt wird. Gleichzeitig entdeckt die New-Age Bewegung auf der Suche nach der Aura des Kosmos, konfessionell ungebunden, Engel und Geistwesen wieder für sich. Christlicher Volksglaube und Brauchtum ließen sich jedoch nicht verunsichern durch die spitzfindigen Diskussionen von Wissenschaftlern oder modernen Negisten. Der Glaube an die Existenz der Engel gehört auch heute für viele Christen zu ihrer Biographie. Nicht wenige Engelbilder über Kinderbetten und in Kirchen sind in Erinnerung geblieben. Engel wachen über unseren Gräbern. Und so manchem ist das kindlich-fromme Abendgebet aus der deutschen Märchenoper Engelberts von Humperdinck (1854-1921): „Abends wenn ich schlafen gehe, vierzehn Englein um mich stehen..." noch vertraut. Selbst von keineswegs Frommen hört man gelegentlich, wenn sie einer Gefahr entronnen sind: „Da habe ich wirklich einen Schutzengel gehabt!"

Trotz moderner Diskussionen, hat die Liturgiereform des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965) das Erzengel- (29.September) und Schutzengelfest (2. Oktober) im liturgischen Kalender beibehalten. Im Tagesgebet der Messe für den 2. Oktober heißt es: „Sende uns deine heiligen Engel zu Hilfe, dass sie uns behüten auf all unseren Wegen und gib uns in der Gemeinschaft mit ihnen deine ewige Freude." Die jährlichen Feste der drei Erzengel und der Schutzengel geben immer wieder dem Verständnis des pilgernden Gottesvolkes den Glaubensimpuls, dass sein Weg durch die Geschichte begleitet und beschützt wird durch eine Vielzahl bekannter und unbekannter Engel. Diese Gedanken sollen unser Alltagsbewusstsein stärken. Und Franz von Assisi (1182-1226), der noch ganz anders als wir moderne Menschen mit Engeln lebte, sagte: „Wir verlangen manchmal so sehr danach, Engel zu sein, dass wir vergessen, gute Menschen zu sein."

 

 

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