"Unterwegs im Namen der Rose"

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Nachruf auf Herrn Walter Lian


Walter Lumpe. Geboren 8. April 1948 in Artern an der Unstrut. Stürzt sich als Kind schon von deren Brücke gern in den Fluss. Muss sich immer bewegen. Wird Ringer, bringt es kurz in die Nationalmannschaft der DDR. Ausbildung zum Werkzeugmacher. Abitur an der Abendschule. Bricht das Maschinenbau-Studium ab. Wird Regenschirm-Verkäufer. Gescheiterte Flucht nach Bayern. Dafür zweieinhalb Jahre Bautzen. Entdeckt in der Zelle die Literatur. Amnestie beim Wechsel von Ulbricht zu Honecker. Pflegt Schwerstbehinderte in den Neinstedter Anstalten. Ausreise in den Westen. Mainz. Berlin. An der FU Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Politologie. Wieder Abbruch. Lernt eine Chinesin kennen, lieben. Hilft ihr bei der Dissertation. Heirat in Peking. Aus Lumpe wird Lian, die Lotusblume. Acht Jahre später: Scheidung in Berlin. Sie wird Professorin für Germanistik am Gelben Meer, er arbeitslos an der Spree. Die Psyche, der Alkohol. Klinikaufenthalte. Bezieht ein Zimmer in der Stirnerstraße. Pflegt dort zwei Jahre den Filmemacher Egon Gürtler. Schreibt ein Buch, das nie verlegt wird: „Humanität als Menschheitsprinzip". Verarmt im Chaos. Die Rosenkranz-Basilika wird seine Heimat, er sagt: „Familie". Lian liest nur noch die Bibel. Ist fast rund um die Uhr „unterwegs im Namen der Rose". In ganz Berlin. Geheimnisvoll. Kommuniziert täglich. Erzählt Witze: „Lachen hilft gegen Depression." Letzten Sommer Wohnungsbrand (Kerzen statt Strom), im Herbst Herzinfarkt. Aber Ringer sind robust. Doch als er vom Amtsgericht „entmündigt" wird, wehrt er sich. Und stirbt. Wann und wie, weiß die Obduktion. Seine „Familie" feiert Weihnachten. Lians Leiche wird erst 14 Tage nach dem Fest entdeckt. Zuhause. An Epiphanie feiern wir für ihn die heilige Messe. Der Kantor singt an diesem Tag: „Er rettet den Gebeugten, der um Hilfe schreit, den Armen und den, der keinen Helfer hat. Er erbarmt sich des Gebeugten und Schwachen, er rettet das Leben der Armen" (Ps 72,12-13). Seine „Familie" ist beschämt. Aber sie hat einen Fürsprecher im Himmel. Danke, Lian - und grüß die „rosa mystica"!

A.N.D.

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