Zu Gast im Herzen Spaniens

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Zu Gast im Herzen Spaniens

Vom 2.-12. September war unsere zwanzigköpfige Reisegruppe in Kastilien (Land der Burgen) unterwegs - Keimzelle des heutigen Spanien. Dabei bereisten wir die autonomen Gebiete Kastilien und Léon, La Rioja, Madrid und Kastilien-La Mancha und bewegten uns im Gebiet zwischen den Städten Burgos, León, Salamanca, Toledo und Madrid. Bei Temperaturen zwischen 20 und 32 Grad war ein straffes und umfangreiches Besichtigungsprogramm zu absolvieren. In raschem Wechsel führte uns unser Weg durch einsame Gegenden mit schroffen Granitfelsen, weiten, schier endlosen Ebenen, an abgeernteten Getreidefeldern, grünen Oasen und Stauseen vorbei zu bedeutenden Orten der spanischen Geschichte und kunstgeschichtlichen Juwelen. Vieles wurde erlaufen, vieles (oft im Bus, aber auch sonst) erfahren und erlebt. Da war es gut, uns in den (meist kurzen) Pausen in den an jeder Ecke vorhandenen Bars stärken zu können - bei Tapas und Getränken in extravertierter Atmosphäre und - bei laufendem Fernseher - nicht enden wollendem Stimmengewirr. Erholen konnte man sich oft erst abends im Freien bei einem guten Essen und Wein.

Ging jemand verloren und fand den Weg nicht mehr zurück, brachte ihn die Polizei ins Hotel. Wurde der Bus von jemandem nach einer Besichtigung nicht mehr gefunden, so wurde gesucht. Glück für die Suchenden, dass es das „Movil" (zu deutsch Handy) gab, wenn die vermisste Person dann doch noch auftauchte und die Suchenden noch umher irrten. Blieb der Bus auf der Autobahn wegen eines geplatzten Wasserschlauches liegen, so dauerte es nur 2 Stunden, bis uns Guardia Civil, mobile „Mecanicos" mit Werkstattwagen und unser Busunternehmen mit einem Ersatzbus „verarztet" hatten. Da mochte in brütender Hitze mancher schon ein Stoßgebet zum Himmel senden. Doch heitere Stimmung, Humor und fröhliches Lachen sorgten nicht nur in solchen Situationen immer für Ausgleich.

Seit 711 arabisch geführte Eroberer mit der Eroberung der iberischen Halbinsel begannen bis zum Jahr 1492, als die katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragón mit der Eroberung des letzten maurischen Königreiches Granada die Wiedereroberung („Reconquista") abschlossen, war diese Region Schauplatz blutiger Kämpfe, wechselnder Fronten, aber es gab auch Phasen friedlichen Zusammenlebens von Christen, Juden und Muslimen. Man lebte in den jeweiligen Vierteln, es herrschte Arbeitsteilung, das Gemeinwesen entwickelte sich durch das fruchtbare Zusammenwirken zu höchster kultureller und wirtschaftlicher Blüte. In Sprachschulen übersetzte Werke aus dem und in das Arabische, Lateinische, Griechische, Hebräische katalysierten die Entwicklung des Schrifttums und Konzentration des Wissens. In der Folge entstanden zahlreiche Universitäten in Europa und eine breite Streuung des Wissens.

Auf dem Weg von Madrid nach Burgos nach Passage des Guadarrama-Gebirges eröffnete sich die Unendlichkeit der Meseta bis Aranda de Duero. Hier konnten wir einen ersten Eindruck von einer lebendigen Kleinstadt mit ihrer architektonischen Perle Kirche und Portal von Santa Maria la Real erhalten. Das Kartäuserkloster Cartuja de Miraflores oberhalb von Burgos vermittelte Stille und Andächtigkeit. Burgos empfing uns kühl mit seiner imposanten Stadtmauer und seiner Kathedrale. Bisweilen Pilger auf dem Camino nach Santiago de Compostela, auf dem Burgos liegt. Ausflug von Burgos nach Westen: León mit seiner Plaza mayor und vor allem seiner Kathedrale: dank kurzer Bauzeit in rein gotischem Baustil -

elegant geschwungen, in humanen Proportionen, mit atemberaubenden Glasfenstern, wo sich das Licht zu verschiedenen Tageszeiten durch unterschiedlichste Farben in das Kirchenschiff ergießt - ein erster Höhepunkt. Viele Caminos führen nach Santiago: vorbei an dem Monasterio de San Miguel de Escalera mit seinen maurisch beeinflussten Hufeisenbögen kreuzten wir wieder einen auf dem Weg nach Sahagun:

Pilgergruppen in sengender Sonne - 1000jähriges Gemäuer der Klosterruine San Facundo y San Primitivo wie auch am nächsten Tag: Pilgerraststätte (Hospederia de San Juan de Ortega mit Kloster). Wie so oft in Spanien: Baubeginn und Bauende liegen weit auseinander. So steht man vor Bauwerken, die verschiedene Stile kombinieren; hier sind die ältesten romanisch, die neuesten stammen aus dem 15. Jahrhundert. Nächster Tag: Ausflug von Burgos nach Osten: Überall die Muschel - Kennzeichen des Pilgerweges. Nájera mit Kloster S. Maria la Real und einem einzigartigen romanischen Sarkophag mit dem Gleichnis der törichten und klugen Schwestern. Dann in die Einsamkeit: Durchquerung der Sierra de la Demanda durch fruchtbare Wälder und Gärten, schroffe Höhen, weite Stauseen zur gregorianischen Vesper in die Klosterkirche von Santo Domingo de Silos. Und schon geht's Richtung Madrid über Tordesillas. Frühe Zeichen des Glaubens: Kirche San Martin in Frómista - reines romanisches Kleinod - ein weiterer Höhepunkt in seiner schönen Schlichtheit, goldglänzend im morgendlichen Sonnenlicht und San Juan de Banos: westgotisch, einfach eine Feldkirche, geschmückt mit reizvollen Fenstern und einer einzigen kunstvollen mit Edelsteinen besetzten hängenden Krone im Altarraum. Tordesillas: historischer Ort von Weltbedeutung: hier teilten sich die Weltmächte Spanien und Portugal 1494 die Welt auf: bis heute mit Folgen: z.B. wird in Brasilien Portugiesisch, in Rest-Südamerika Spanisch gesprochen. Und Madrid: pulsierende Metropole. Von der Einsamkeit in den Trubel. Prado: Pinakothek von Weltgeltung: Goya, El Greco, Tizian, Dürer, Breughel, Velazquez, Tintoretto, Veronese, eine soeben entdeckte Mona Lisa unter schwarzem Lack konserviert und schöner als das Original. Museo Reina Sofia: Kunst des 20. Jh. und Picassos berühmtestes Bild: Guernica (mit Entstehungsphasen). Ávila mit seiner berühmten Stadtmauer und der Erinnerung an die Hl. Teresa, Segovia mit dem römischen Aquädukt: höchste Baukunst, die Tausende von Jahren überstanden hat - ohne Mörtel zusammen gehalten. Den freien Tag nutzte man zur Stadtrundfahrt oder zum 2. Besuch im Prado - zu groß war die Vielfalt, um an einem Tag bewältigt werden zu können. Das graue Toledo - Stadt auf und aus Granit, Festung am Rio Tajo, älteste Hauptstadt und Festung, lange Jahre Wohnort von El Greco, Vorposten auf dem Weg zur Eroberung des Südens. Die Hl. Messe in der Kathedrale feierten wir im mozarabischen Ritus. Salamanca - ganz anders - urban, weitläufig, gepflegt, goldglänzend durch den verbauten Sandstein, gelassen und gebildet - 40.000 Studenten bei 160.000 Einwohnern. Die Stadt, in der Jesuiten und Dominikaner die Grundlagen des Völkerrechts bildeten vor dem Hintergrund der Gräueltaten an den Indios in den amerikanischen Provinzen.

Den Escorial - graues Ungetüm in schmuckloser Renaissance-Architektur - war der Ort, von dem Philipp II. sein Weltreich regierte und wo er starb.

Das Bett, in welchem er starb (mit Blick auf einen gigantischen Hochaltar zur einen und in die unendliche Weite der hügeligen Landschaft auf der anderen Seite) das Arbeitszimmer (das einem Studenten zugeordnet werden könnte).  Und seine Grabstelle in der Krypta - unwillkürlich konnten einem Gedanken über Leben und Tod, Macht, Reichtum und Vergänglichkeit kommen.

Und die Erkenntnis, dass es zum friedlichen Zusammenleben der Religionen nicht nur keine Alternative gibt, sondern sich Möglichkeiten zur kulturellen Weiterentwicklung ergeben können. Allerdings ist Toleranz keine Einbahnstraße, sondern muss gegenseitig gewollt und gelebt werden. Am Grab der hl. Teresa von Ávila in Alba de Tormes stimmten wir das Lied „Alles meinem Gott zu Ehren" an und danken dafür, dass wir wohlbehalten wieder zuhause angekommen sind.

Horst Opolka & Norbert Schilling

Die Redaktion empfindet es als ein schönes Zeichen ökumenischer Verbundenheit, dass die beiden Protestanten unter den Teilnehmern den Bericht über unserer Gemeindereise geschrieben haben - herzlichen Dank an beide Herren!

 

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