Pfarrbriefartikel

Der Friedensgruß

„Muss der Friedensgruß denn immer sein?" Diese Frage kam in der Gemeinde im Zuge der Grippesaison auf und ist zunächst einmal schnell beantwortet: Nein, er muss nicht sein; an den Wochentagen fällt er z.B. häufig weg. Und zugleich hat jeder Gläubige Verständnis, wenn man beim Friedensgruß nicht die Hand reicht, sondern mit einer kleinen Verneigung reagiert oder einfach mit Blick auf den Nachbarn eine Hand auf das Herz legt.

Diese Frage ist mir aber auch eine Anregung, etwas grundsätzlicher über diesen Ritus nachzudenken. Bei der Bischofssynode 2005, die sich mit der Feier der Eucharistie befasste, berichteten Teilnehmer, wie in einigen Teilen der Weltkirche der Friedensgruß ziemlich ausgeufert ist und dadurch seines eigentlichen Sinnes entleert wird. Er wird zu einer allgemeinmenschlichen Geste der Gemeinschaft, des Grüßens, des Sichvertragens, die in dieser Form die unmittelbare Vorbereitung auf die Hl. Kommunion eher stört. Papst Benedikt XVI. machte daraufhin eine Umfrage bei den Bischofskonferenzen, ob es besser wäre, den Friedensgruß vor die Gabenbereitung vorzuverlegen. Die Reaktionen darauf waren aber eher ablehnend. Papst Franziskus hat dann entschieden: Der Friedensgruß soll an der gewohnten Stelle erhalten bleiben, aber mit größerer Nüchternheit vollzogen werden. Es sei nicht notwendig, in jeder Hl. Messe zu dieser Geste einzuladen. Und ein Ausufern des Friedensgrußes soll vermieden werden: Es reicht, den Frieden in schlichter Weise nach rechts und links weiterzugeben; niemand soll hierfür den Platz verlassen.

Was hat die meisten Bischofskonferenzen es nicht geraten scheinen lassen, den Friedensgruß zu verlegen? Ein neuer Ort hätte dem Friedensgruß auch einen neuen Sinn gegeben, keinen falschen, aber einen anderen als den, den wir jetzt mit dieser Geste verbinden. In den orientalischen Riten geschieht er tatsächlich vor dem eucharistischen Hochgebet, in Erinnerung an die Bergpredigt (Mt 5,23): „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe."

So war es auch im Westen bis ins 6. Jh. üblich. Gregor der Große verlegte den Friedensgruß (vielleicht aus benediktinischer Praxis) dann vor die Kommunion: Damit reichen wir uns nicht mehr den Frieden, den wir selbst herstellen, sondern den Gruß des Auferstandenen, und der ist erst möglich, wenn der Auferstandene wirklich unter uns ist, also nach der Wandlung der eucharistischen Gaben.

Was ist nun richtig? Natürlich beides. In unserer lateinischen Tradition ist der Friedensgruß aber nun kein Versöhnungsgestus, sondern es ist der Friede der vom Auferstandenen und daher in der Messe vom Altar ausgeht. Die deutsche Wiedergabe des „Offerte vobis pacem" (korrekt: Reicht euch den Frieden!) mit „Reicht euch ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung" ist da zumindest missverständlich, aber auch nicht verpflichtend.

Idealerweise müsste es so sein, dass wir den Friedensgruß erst weitergeben, wenn wir ihn selbst schon empfangen haben. Das lässt sich praktisch kaum umsetzen, denn es würde den Ritus in die Länge ziehen; in Altarnähe (z.B. bei den Ministranten) praktizieren wir es aber so.  „Meinen Frieden gebe ich euch; nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch." (Joh 14,27): Der Friedensgruß soll in einer schlichten Geste die Gegenwart Christi greifbar machen. Und er lässt uns spüren, dass das Sakrament uns nicht nur mit dem Herrn verbindet, sondern uns tiefer in die große Gemeinschaft stellt, die die Kirche ist, die selbst ein Werkzeug des Friedens in der Welt sein soll.

Pfarrer Matthias Patzelt

 

Zurück