Pfarrbriefartikel

Ökumernische Romfahrt 2017

Rom für Katholiken und andere gute Christen

Von Burkhard Knaut

"Wer darf auf den Berg des Herren gehen, und wer darf stehen an seiner heiligen Stätte? Wer unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist, wer nicht bedacht ist auf Lüge und falsche Eide schwört: der wird den Segen vom Herrn empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils..."  Psalm 24, 30 ff.

Warum bin ich mit jeweils 16 katholischen und evangelischen Christen von der Maria Rosenkranzkönigin- und Matthäusgemeinde nach Rom gefahren, zum Papst im Lutherjahr und für 1245 €? Ich bin kein guter, d.h. regelmäßiger Kirchgänger und die Evangelischen hielt ich sowieso für die besseren Menschen. Würden nicht übertriebene Hoffnungen geweckt oder jeder in seinen Denkschablonen bleiben? Da sitzen die "Katholen" doch wieder zusammen und die "Protestler" auch für sich! Und die Altersstruktur erst, wo Ehefrau Irene mit 61 und Burkhard mit 64 den Altersschnitt senken (senken und nicht heben!). Bei dem straffen Besuchs- und Besichtigungsprogramm käme die Hälfte doch überhaupt nicht an!

Solch unchristliche Gedanken gingen mir durch den Kopf, als unser Flugzeug am 10.2. 2017 eine Viertelstunde nach Plan von der Flugpiste in Tegel abhob. Bei minus 5 Grad und eisigem Wind auf dem Rollfeld dauerte die Flugzeugtreppe gefühlt eine halbe Stunde. Ehefrau Irene saß noch nicht mal neben mir und konnte sich nur noch durch autogenes Training in ihren Flugängsten trösten. Kein guter Reisestart!

Der erste Tag

Freitag, 10.2., Ankunft in Rom gegen 13 Uhr, schnelle Gepäckabfertigung, draußen helle warme Sonne! Ein Labsal! Mit dem eigenen Bus ins Hotel, begleitet von ersten, eindeutig bayerisch geprägten Hinweisen unseres Reiseleiters Dr. Gatzhammer zur Fahrtroute des Busses. Die Erläuterungen über die italienische Nationalhymne mit musikalischen Beispielen werden angesichts gelb blühender Mimosen und knallgrüner Rasenstücke neben der Autobahn ausgeblendet. Hauptsache Frühling, weg mit den Wintergedanken!

Im Hotel "Casa Bonus Pastor" auf dem Vatikanberg gleich neben den mittelalterlichen Mauern den ersten italienischen Cappuccino, natürlich draußen auf der Terrasse, einfach nur die blütenduftende Romluft und die Sonnenstrahlen genießen. Doch es gibt keine Ruhe: nach schnellem Abwerfen des überflüssigen Reisegepäcks in großzügigen Schlafzimmern Aufbruch zum Petersdom und zu einem ausführlichen Spaziergang in eines der Altstadtviertel Richtung Engelsburg, mit technisch fortschrittlichen Erläuterungen zur Umgebung über Funk und Kopfhörer, synchron, weil Pfarrer Ackermann von der St. Hedwigs-Kathedrale, erfüllt von vielen Erinnerungen an einen längeren Aufenthalt im Vatikan, nicht still bleiben kann (wer könnte auf dem grandiosen Petersplatz still bleiben?). Und deshalb hört man neben ihm eine römische Alternativvariante: Ins eine Ohr spricht er, ins andere Dr. G. Sehr schön, gleich volles Programm.

Um 19 Uhr Abendandacht mit Pfarrerin Dr. Scheepers, einfach, schlicht, behutsam. Katholische und Evangelische beäugen sich vorsichtig.

Das erste gemeinsame Essen wird - wie erwartet - hübsch getrennt eingenommen, in einem nüchternen Speisesaal mit greller Neonbeleuchtung. Das Essen ist reichlich und gut, drei Gänge + Salat (Für die Vegetarier gibt's allerdings immer dasselbe: Nudeln mit Tomatensoße, aber unsere zwei Exoten beklagen sich nicht). Der Wein ist reichlich, zu reichlicher Genuss macht die geringe Qualität aber offenkundig. Abends noch ein Gang zum Trevi-Brunnen, der frisch restauriert strahlend weiß im blauschwarzen Wasser vor der barocken Hausfassade im Scheinwerferlicht leuchtet. Es ist in dieser Jahreszeit mit den Besuchern noch angenehm, man kommt mit Geschick ohne weiteres an den Brunnenrand. Das Wasser ist durchsichtig und klar wie Quellwasser, wir stehen lange vor diesem großen Wassertheater, wo Werweißwasfürgötter durchflossen und umrauscht werden.

Der zweite Tag

Samstag, 11.2., heute ist Kirchenprogramm. Mit dem eigenen Bus zu St. Paul ante muros, danach Friedhof „Acattolico" mit den vielen "ungläubigen", d.h. protestantischen Romfahrenden. Berühmt sollte man sein, um hier beerdigt zu werden, zumindest aber reich und jung. Es grünt, die Kamelien blühen, und es ist friedlich. Wir lauschen den Ausführungen von Valentina, der römischen Führerin, über die Ursprünge der Anlage und einzelne berühmten Namen. Am Nachmittag Lateranbasilika, die alte Kirche der Päpste, und Santa Maria Maggiore. Die drei Kirchen sind berühmte alte Pilgerstätten, riesig und mit viel Goldschmuck. Ihr Ruhm hat ihnen aber nicht zu mehr Ansehnlichkeit und künstlerischer Bedeutung verholfen, von heiliger Gotteswirkung ist in den Kunsthallen wenig zu spüren. Was nützen auch unendlich wertvolle Golddecken mit bedenklicher mexikanischer Raubprovenienz? Wirklich wertvolle Momente der Führung sind aber auch zu erleben. Man muss nur entdeckungsbereit sein. Zum Beispiel: Unter Santa Maria Maggiore befindet sich eine Krypta, die wir in kleinerem Kreis besuchen. Ein Gelehrter/Geistlicher (?) liegt dort in einem Steinsarkophag. Nicht Jahrhunderte alt, sondern Jahrzehnte, er war unseren Führern persönlich bekannt. Wir sprechen ein Gebet und fühlen die Unmittelbarkeit vergangener Gegenwart und der gegenwärtigen Todeszeichen. Es riecht nach Verwesung, wir sehen den schweren Steinsarkophag mit dem jungen Todesdatum. Im Leben stehen wir im Tod. Etwas später: Ein Teil vom alten Lateranpalast steht noch, er enthält die heilige Stiege, auf der Jesus zu Pilatus geführt worden sein soll. Die Mutter oder Ehefrau Kaiser Konstantins hat sie in Jerusalem abbauen lassen. Pilger besteigen sie seit mehr als 1500 Jahren auf Knien, immer noch. Auch heute auf Knien. Warum? Welche Verdienste erwerben sie sich dadurch bei Gott? Oben hinter vergitterten Fenstern findet sich eine weitere Besonderheit und ausgesprochene Kostbarkeit: die Privatkapelle Kaiser Konstantins mit einzigartigen frühgotischen Fresken und frühchristlichen Mosaiken. Sie wurden erst vor einigen Jahren entdeckt und frisch restauriert. Staunen und angestrengtes nach oben Starren, um die leuchtenden Farben und wunderschöne Komposition der Heiligenfiguren in die Erinnerung einzubrennen. Wieder im Hotel: An den Tischen beginnt die Durchmischung, man achtet nicht mehr auf Gemeindezugehörigkeit, sondern auf freie Plätze. Gesichter werden vertraut und Gespräche weit über die Essenszeit hinausgeführt.

Der dritte Tag

Sonntag, 12.2. Wir gehen in die Kirche, zum Gottesdienst. Mit dem 46er zur Piazza Navona und  über Nebenwege zur deutschen Kirche Santa Maria dell' Anima. Herrlicher Barock, alles frisch restauriert, alles strahlend weiß, golden und farbig. Unzählige Scheinwerfer strahlen die Schönheit des Innenraums licht und hell, punktuell und effektvoll heraus. Die künstlerische Ausstattung an den Wänden ist so umfassend und dicht, dass sie einzeln das halbe Bode-Museum füllen könnte. Vor Beginn des Gottesdienstes wird die Beleuchtung im Chor heller: Ein Scheinwerferbündel wirft jetzt Licht schräg von oben, sodass die Sonne geradewegs in den Chor zu strahlen scheint. Der Gottesdienst beginnt mit in grün-weiße Alben gehülltem Einzug von Pfarrer Xaver Brandmayer und seinen Helfern auf der linken Seite und führt von hinten mitten durch den Hauptraum nach vorn in den Altarraum. Der Ablauf ist mit der Epistel- und Evangelien-Lesung und der Predigt auch Protestanten vertraut, erst die Abendmahlsfeier ist abweichend von der evangelischen: mehr Liturgie und Betonung der heiligen Handlung. Die Einsetzungsworte werden gesungen, die Hostie wird hoch emporgehoben, der Weihrauchbehälter wird geschwenkt. Dann wird die Hostie ausgeteilt, an die Helfer zuerst. Das einfache Kirchenvolk sieht dem Schauspiel zu und muss sich noch gedulden, bis der Weinkelch geleert ist. Dann strömt es nach vorne. Nicht alle natürlich, nur die Eingeladenen. Die Evangelischen bleiben daher betrübt sitzen.  

Die letzten Tage

Der Nachmittag des 12.2. und die folgenden Tage sind mit den typischen Rom-Sehenswürdigkeiten vollgestopft: Besuch der antiken Stätten, Spanische Treppe, Pantheon, Petersdom und Vatikanische Museen, das alte Viertel Trastevere, Jüdisches Viertel. Kann man alles im Baedeker nachlesen. Abends wird mit Dr. Gatzhammer immer ein anderes Stadtviertel ausprobiert, gemütliches Schwatzen beim Wein.

Weitere Highlights unserer Reise, wie den Besuch der Hertziana, einer großartigen Bibliothek an der Spanischen Treppe, in einem alten Palast mit reichen Renaissancemalereien, den Vortrag des stellvertretenden Direktors des deutschen historischen Instituts in Rom, Herrn Professor Koller, oder den Empfang bei der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl kann man nicht nachlesen. Muss man eben einen Teilnehmer der Reise fragen. Auch, was den Papstempfang und den Besuch des deutschen Friedhofs innerhalb der Vatikanmauern angeht. Tut mir leid, der Platz reicht nicht. Aber wie ging es nun mit der Ökumene und dem heiligen Berg weiter? Jeden Abend ein kleiner Gottesdienst im Hotel, abwechselnd von unseren Theologen geleitet, ohne Berührungsängste.

Großartig beide, Pfarrerin Dr.  Scheepers und Pfarrer Ackermann. So unterschiedlicher Vortrag und Stil, so berührend und geistlich-fruchtbar der Inhalt der halben Stunde. Man mochte keine Andacht mehr versäumen. Einmal gab es noch eine größere in der evangelischen Christuskirche.

Schließlich sollte nach dem Gottesdienst in Santa Maria dell' Anima auch die evangelische Alternative gezeigt werden. Perfekte Vorbereitung von der Pfarrerin (welch eine Zusatzarbeit neben dem anstrengenden Tagesprogramm!), alles schriftlich ausgearbeitet! Sogar das Orgelspiel, das fast spontan von einer Frau mit Talenten (also meiner Frau) improvisiert wurde. Auch die Abendmahlsfeierproblematik wurde souverän gemeistert, unsere katholischen Brüder und Schwestern auf der linken Seite bekamen eben nur die Segnung, während die Teilnehmer der rechten Seite von Matthäus sich auch am Wein laben konnten. Und wann wurden die Katholiken protestantisch und die Protestanten evangelisch? Auf dem „heiligen Berg" natürlich, d.h. auf dem Mons Vaticanus, bei unserer Führung durch die Vatikanischen Gärten. Als wir hinter die Vatikanmauern geführt wurden und die heiligen Stätten von innen sahen. Als wir nichts von Prachtpalästen (wie man sie hinter dem Prunkbau von St. Peter und den gewaltigen Mauern mit den starken Schweizer Wachen vermutet hätte), sondern nur Zweckbauten sahen. Und wie im prunklosesten modernen Gebäude Papst Franziskus (zwei Zimmer über der Eingangstür im ersten Stock des Gästehauses) „residiert". Und wie wir dann auf den höchsten Punkt der schönen Gartenanlagen geführt wurden - da wurden allen klar, dass die Zeit der Versöhnung da ist. Wozu noch streiten? Papst Franziskus ist herab aus den Prachträumen des Papstpalastes gestiegen und den Plattenbau-Armen nahe gekommen. Ein Menschendiener ist er - man schaue sich nur an, wie er bei der Generalsaudienz seine Besucher empfängt, sich die Mützen der Besucher aufsetzt, kleine Kinder küsst und Hände schüttelt. Die eigentlichen Besitzer des Vatikanstaates sind die Gärtner, die sich der Gartenpflege halber tagsüber in den Gärten aufhalten und die Besucher, die sich die Gartenpracht anschauen.

Und die Theologie? Die großen Differenzen? Die sind aufgehoben, denn die Deutungshoheit haben Wir (den Abendmahlswein lass' ich mir aber nicht verbieten!).

 

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